Nachhaltige Entwicklung im volkswirtschaftlichen Unterrricht
Nachhaltige Entwicklungim volkswirtschaftlichen Unterrricht

Produktivität

Achtung: Die Abschnitte “Ökonomische” und “Soziale Dimension” sind vorbehaltlich der Eingangsbemerkungen zur “Ökologischen Dimension” zu verstehen.

Ökonomische Dimension:

 

Mehr Produktivität und mehr freie Zeit verspricht der Audio-CD-Kurs für gestresste Manager oder andere Berufstätige. “Produktivität” ist eines der Zauberworte, wenn es um wirtschaftliche Debatten geht. Die Produktivität zu steigern gilt als eine der wichtigsten Zielsetzungen sowohl betriebs- als auch volkswirtschaftlicher Strategien. Die Steigerung der Produktivität geriert sich als der Bruder des technischen Fortschritts. Und somit verspricht sie auch die Segnungen des technischen Fortschritts wie sie in der obigen Anzeige werbewirksam dargestellt werden. Als Vorteile werden genannt:

 

  • Steigerung des Produktionsniveaus und des Outputs
  • Einkommen und Wohlstand der Bevölkerung steigen
  • Zeitgewinn
  • Bei Mechanisierung werden für die Arbeitnehmer gleichzeitig vormals anstrengende Tätigkeiten erleichtert
  • Höhere Konkurrenzfähigkeit, da Preise gesenkt werden können

 

Ähnlich wie bei der Diskussion um Wirtschaftswachstum gelten die besagten Vorzüge jedoch nur bei Vorliegen bestimmter weiterer Bedingungen:

 

  • Das Produktionsniveau steigt nur, wenn der Produktivitätszuwachs auch zu mehr Output führt und nicht zur Herstellung desselben Outputs mit einem geringeren Input (was theoretisch möglich ist und letztendlich von der Vergrößerung des Marktes abhängig ist – so werden bei Produktivitätszuwächsen bei der Herstellung von Panzern nicht notwendigerweise mehr Panzer produziert, wenn die Armee nur eine feste Anzahl von Panzern benötigt).
  • Entsprechend steigt das Einkommen auch nur bei Vergrößerung des Marktes oder Übernahme von Marktanteilen anderer Hersteller. Über die Verteilung des Einkommens hingegen ist an dieser Stelle noch nichts gesagt.
  • Wohlstandsfragen werden im Kapitel VGR ausführlich behandelt.
  • Der Zeitgewinn ist nur dann von Vorteil, wenn er zu einer Reduzierung der Arbeitszeit für alle führt und nicht zur Entlassung von Arbeitnehmern, die nun nicht mehr “gebraucht” werden.
  • Ob eine technologische Neuerung eine Ent- oder Belastung der Arbeitnehmer bewirkt, hängt von der Art der Neuerung ab. Hat die Computerisierung des Rechnungswesens die Arbeit an sich tatsächlich menschlicher gemacht? Zudem könnte die Produktivitätssteigerung auch auf einer zeitlichen oder intensitätsmäßigen Mehrbelastung der Arbeitnehmer beruhen. Wenn eine Produktivitätssteigerung als Selbstzweck (d.h. zum Zwecke der Gewinnsteigerung) verfolgt wird, so muss jeder Einzelfall bewertet werden. In den seltensten Fällen wurde technischer Fortschritt primär zum Wohle der Arbeitnehmer durchgesetzt – in der Regel ist dieses im Kapitalismus ein Nebenprodukt der Gewinnsteigerung.
  • Die Konkurrenzfähigkeit nimmt zu, wenn die Kostenersparnis an den Nachfrager weitergegeben wird. Dies schmälert allerdings die positiven Effekte für die Arbeitnehmer.

 

Nichtsdestotrotz attestiert die wirtschaftsgeschichtliche Betrachtung der Produktivitätssteigerung im Großen und Ganzen positive Effekte in den meisten der angesprochenen Bereichen: Im Vergleich zum 19. Jahrhundert sind Output, Einkommen, Wohlstand der Bevölkerung gestiegen, die Arbeitszeiten haben sich verkürzt, gesundheitsgefährdende Tätigkeiten sind ersetzt oder entschärft worden, immer mehr Produkte werden für weite Bevölkerungsschichten preislich finanzierbar.

 

Soziale Dimension:

 

Eine spannende Frage zur Diskussion mit Schülerinnen und Schülern jedoch ist, ob nun all jene Segnungen des Produktivitätsfortschritts direkt etwas mit demselben zu tun haben (d.h. ganz automatisch zu erwarten sind, wenn das Ziel Produktivitätssteigerung verfolgt wird) oder nicht etwa doch dem sozialen / politischen Kampf von Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und Medienöffentlichkeit für eine “gerechte” Verteilung des durch die Produktivität vergrößerten Kuchens geschuldet sind. Eine Binsenweisheit inzwischen ist die Erkenntnis, dass seit Wegfall des Systemwettbewerbs zwischen Staatskapitalismus und privatwirtschaftlichem Kapitalismus in den westlichen Demokratien der politische Druck in Richtung sozialen Ausgleichs abgenommen hat und im Zuge der Globalisierung den gewerkschaftlichen Argumenten für eine Lohnerhöhung im Rahmen des Produktivitätsfortschritts widersprochen wird (bei Präferierung der angebotsorientierten neoklassischen Sicht gegenüber der nachfrageorientierten keynesianischen). Ebenso wurde seit Beginn der 90er Jahre der Trend zur Arbeitszeitverkürzung umgekehrt – erst in der Wirtschaftskrise 2009/10 ist eine – zwangsläufig durch Kurzarbeit verursachte – erneute Reduzierung der persönlichen Arbeitszeit zu beobachten (ohne Lohnausgleich...).

Soll der Produktivitätsfortschritt unter sozialen Aspekten betrachtet werden, so kommt man eigentlich an einer Theorie nicht vorbei, die seit gut zwanzig Jahren auf dem Friedhof der Geschichte zu ruhen scheint: dem Marxismus.

 

Mehrwert und Kapitalakkumulation

Akkumulation (von lat. accumulare = anhäufen) ist die Anhäufung von Kapital(gütern) durch Kapitaleigentümer/Unternehmer durch Sparen und Investieren des auf dem Markt erzielten Mehrwerts. Der Begriff wird Karl Marx zugeschrieben.

Die Akkumulation kann das Sachvermögen (oder Kapitalstock, d.h. Maschinen, Gebäude etc.) erhöhen, aber auch die Beschäftigung, indem ein Teil des Mehrwerts dazu verwendet wird, mehr Arbeiter zu beschäftigen. Zu beachten ist außerdem, dass nicht der ganze Mehrwert der Akkumulation dient, sondern ein Teil des Mehrwerts "unproduktiv" beispielsweise für den Konsum der Kapitaleigentümer/Unternehmer ausgegeben wird.

 

Was ist Mehrwert?

Nach Marx ist die Arbeitskraft, die im Kapitalismus die Form der Lohnarbeit angenommen hat, Quelle des gesellschaftlichen Reichtums, Quelle aller Wertschöpfung. Aus ihr entspringt ein Strom von Werten, von dem allerdings nur ein Teil den Arbeitern in Form des Lohnes zufließt. Den anderen Teil zweigen die die Eigentümer von Kapital und Boden ab und eignen sich ihn als Unternehmergewinn, Zins oder Bodenrente an. Diesen abgezweigten Teil nennt Marx Mehrwert.

 

Während gesamtwirtschaftlich die Kapitalakkumulation nicht größer als der Mehrwert aller Unternehmen ist, kann das Kapital des Einzelnen auch rascher akkumulieren, indem es sich mit anderen Kapitalien zusammenschließt, fusioniert, andere Kapitalien (d.h. Unternehmen) übernimmt oder aufkauft. Der Kredit ist dabei ein wichtiges Instrument. Dann erhält der Kapitalist/Unternehmer nicht nur den Mehrwert aus der Produktion seiner ursprünglichen Arbeiter, sondern auch das angehäufte Kapital (Maschinen etc.) der übernommenen Unternehmen sowie den Mehrwert der dortigen Produktion.

Natürlich können nicht alle Unternehmen gleichzeitig rascher akkumulieren als die Gesamtwirtschaft. Ein einzelnes Unternehmen akkumuliert rascher, indem andere aus dem Markt scheiden. Es kommt also zu einer Kapitalzentralisation (Karl Marx) oder im heutigen Sprachgebrauch zu einer Kapitalkonzentration.

Im Marxismus, als Zusammenbruchstheorie verstanden, wird das Ende der Akkumulation als systemimmanent, d.h. unabänderlich, und gleichzeitig als Ende der kapitalistischen Produktionsweise betrachtet. Nicht allgemeiner Wohlstand, sondern eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und ein Zuspitzung von Krisen wären die Folge, was schließlich auf eine sozialistische Revolution hinauslaufen würde - getragen von denen, die unter dem System am schlimmsten zu leiden hätten: den Lohnarbeitern und den Arbeitslosen (dem Proletariat).

 

Entwicklung der Lohnquote

Belege für die Entstehung einer Zweiklassengesellschaft gibt es zu Hauf. Je nach Statistik kommt dies jedoch unterschiedlich zum Vorschein. Zwar liegen in unten stehender Grafik(5) die Arbeitnehmerentgelte noch über den Einkommen aus Unternehmenstätigkeit und Vermögen, doch zeigen die Zuwachsraten bereits die starke Auseinanderentwicklung: die Arbeitnehmerentgelte stiegen von 2000-2007 nur um 7,4%, während die Unternehmens- und Vermögenseinkommen im gleichen Zeitraum um 51,6% anwuchsen.

Noch deutlicher wird das eklatante Auseinanderdriften durch den Vergleich der Lohnquote (Anteil der Arbeitnehmereinkommen am Volkseinkommen) und der Quote der Unternehmens- und Vermögenseinkommen.

Damit setzte sich der Trend der vergangenen dreißig Jahre verschärft fort. Zu beachten bei der Lohnquote ist im Übrigen, dass es um “bereinigte” Lohnquoten handeln sollte: Wenn nämlich die Lohnquote fällt, aber gleichzeitig der Anteil der Bürger zunimmt, die ihr Haupteinkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögensanlage beziehen, so könnte der Zugang zu Einkommen interpersonal in etwa gleich geblieben sein. Tatsächlich fand aber der umgekehrte Trend statt: Nicht nur sank die (unbereinigte) Lohnquote, sondern diese musste auch noch auf immer mehr abhängig Beschäftigte aufgeteilt werden, da es immer weniger Bürger gibt, die selbstständig sind (die zunehmende Verbreitung von Aktien- und Fondvermögen unter den Arbeitnehmern wirkt hier allerdings entschärfend, wobei dies vorzugsweise wieder der wohlhabenderen Hälfte der Bevölkerung zu Gute kommen dürfte).

 

Die Bereinigte Lohnquote 1961-2006

Dass es sich bei der permanenten Steigerung der Arbeitsproduktivität um eine Büchse der Pandora handelt, räumt sogar der der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, ein. Er fordert eine Arbeitsmarktpolitik, die zunehmend wieder einfache Tätigkeiten lukrativ macht, auch wenn es rein statistisch die (Arbeits-)Produktivität vermindert – dafür würde aber die Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft verringert(7) (siehe hierzu auch Kapitel Magisches Viereck).

 

Beschäftigungsschwelle

Ein interessantes Diskussionsthema bietet das Konfliktfeld Produktivität – Beschäftigungsniveau – Wirtschaftswachstum. Unterstellt man eine Zunahme der Produktivität um, sagen wir, 2%, und bedeutet dies, dass der bisherige Output mit 2% weniger Arbeitnehmerinput erstellt werden kann, so benötigt man ein gewisses Wirtschaftswachstum, um die Arbeitseinsatzverluste zu kompensieren.

 

Es handelt sich um einen Teufelskreis. Strebt man das Wirtschaftswachstum jenseits der Beschäftigungsschwelle an, so geschieht dies auf Kosten der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit (siehe Ausführungen im Kapitel Wirtschaftswachstum). Im Falle von Wirtschaftswachstum unterhalb der Beschäftigungsschwelle (oder etwa Nullwachstum oder Schrumpfung), so wächst die Arbeitslosigkeit.

 

Implizite Annahme dieser Theorie ist jedoch ein unaufhaltsamer technologischer Fortschritt in Richtung Rationalisierung und Mechanisierung, die quasi als Naturgesetz angenommen werden und die zur Ursache der fortschreitenden Arbeitslosigkeit werden. Oder aber geht der technologische Fortschritt nur deshalb auf Kosten der Arbeitnehmer (und zu Gunsten der Arbeitsproduktivität), weil die staatliche Steuer- und Wirtschaftspolitik besonders ungünstig auf den Produktionsfaktor Arbeit wirkt und den Verbrauch von Produktionsfaktor Boden/Natur systematisch fördert? (Hierzu mehr im Kapitel Steuern.)

 

Die Vorstellung einer festen Beschäftigungsschwelle, die in der volkswirtschaftlichen Literatur älteren Datums angenommen wird, gilt inzwischen als überholt. Nach Berechnungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim sollte mittelfristig ein Wirtschaftswachstum von mindestens 2,5% erzielt werden, um den Arbeitsplatzverlust durch (Arbeits-)Produktivitätsfortschritte wettzumachen.(8) Dabei wird jedoch – ähnlich wie beim Wirtschaftswachstum – auch eine Fortschreibung von Produktivitätfortschritten vorgenommen, die ähnlich an Grenzen stoßen dürfte wie das Wirtschaftswachstum an sich, welches im Zeitablauf immer geringere Prozentpunkt-Zuwächste aufweist (logistisches Wachstum). Eine internationale Vergleichsstudie neueren Datums zeigt, dass von einer festen Beschäftigungsschwelle nicht ausgegangen werden kann(9):

Zwar liegen die empirisch bestimmten Beschäftigungsschwellen zumeist im positiven Bereich (was die These untermauert, dass ein Mindestwachstum notwendig ist um die Beschäftigung zu halten). Andererseits zeigt das Beispiel der Niederlande, dass gar kein Wachstum nötig und sogar Schrumpfung möglich ist und die Beschäftigung trotzdem gesteigert werden könnte.

 

 

Ökologische Dimension:

 

Nehmen Sie nun bitte einen Grünstift zur Hand und verbessern sie die bisherigen Ausführungen oben. Denn sprachlich wurde durchgängig eine Vereinfachung vorgenommen, die der ökologischen Nachhaltigkeit zuwider läuft: Wann immer von “Produktivität” die Rede war, war in Wahrheit die Produktivität einer Arbeitsstunde oder eines Arbeitnehmers gemeint, genauer

 

Arbeitsproduktivität = Output pro Arbeitsstunde bzw. Arbeitnehmer

 

Und nun wäre es an der Zeit in obigen Kapiteln “Produktivität” durch “Arbeitsproduktivität” zu ersetzen.

 

Zur Erklärung des Hintergrunds müssen wir uns auf einen Ausflug in die Linguistik begeben.

Woran denken Sie, wenn sie das Wort “Katze” hören? Wenn Sie nicht ein entsprechendes Familienmitglied haben, das auf Janosch oder Kitty hört, doch vermutlich an die biologische Art oder  aber an eine grazile und  vielleicht etwas eigensinnige Katzendame auf vier Pfoten. Oder käme Ihnen solch ein pummeliger Katzenstrolch in den Sinn, wie er auf dem rechten unteren Bild zu erkennen ist?

 

Linguistisch gilt der Begriff “Kater” als “markiert” und “Katze” als “unmarkiert”. Das bedeutet, ein “Kater” hat gegenüber der “Katze” ein eindeutiges Charakeristikum mehr, nämlich... die Zigarre... – das Geschlecht ist beim bloßen Hören des unmarkierten Wortes “Katze” objektiv noch nicht geklärt. Rein assoziativ werden sich jedoch die meisten Menschen die biologische Art Katze unreflektiert als weiblich vorstellen.

 

Das gleiche Phänomen wird nun bei dem Begriff “Produktivität” relevant. Denn implizit denkt man auf Grund des überkommenen Sprachgebrauchs an eine bestimmte Produktivität, nämlich die Arbeitsproduktivität. Ein Beispiel bietet die folgende Grafik, in das in der Überschrift unmarkierte Wort “Produktivität” ein unreflektierte Markierung erhält(10):

Diese fehlende Reflexion des Begriffs ist aus der Wirtschaftsgeschichte, in der es fast immer um eine Steigerung der Arbeitsproduktivität ging, verständlich, führt in der Praxis jedoch dazu, dass eine Steigerung anderer Produktivitäten zunächst gar nicht vorgestellt wird. Dabei gibt es mehrere “Produktivitäten”:

Im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit muss eine klare Forderung an den Produktivitätsdiskurs gestellt werden, die praktisch ebenso einer paradigmatischen Wende betrachtet werden kann wie die Abkehr von Forderungen nach Wirtschaftswachstum: Anstelle der Arbeitsproduktivität und ihrer Steigerung (um den Preis von Arbeitslosigkeit in Folge Rationalisierung oder endlosen Wirtschaftswachstums) sollte wirtschaftspolitisch, wissenschaftlich und bildungsmäßig die Ressourcenproduktivität (in ihren Ausprägungen Material- und Energieproduktivität) in den Fokus kommen(11).

Die Forschung hat sich dieser Problematik schon seit langem angenommen. Unter den Stichworten “Ressourceneffizienz”, “Materialeffizienz”, “Energieeffizienz” werden Messverfahren, Strategien und Produkte entwickelt und erforscht, die den Materialinput pro Service- oder Produkteinheit (MIPS(12)) reduzieren, die Produktion hoffentlich “dematerialisieren”. Als Wegbereiter für die Diskussion gelten Ernst Ulrich von Weizsäcker und Friedrich Schmidt-Bleek, die in den 90er Jahren auch entscheidend den Aufstieg des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie zum international renommierten Umweltforschungsinstitut prägten. Von Weizsäcker entwickelte in Zusammenarbeit mit den Gründern des US-amerikanischen Rocky-Mountains-Institute(13), dem Forscherpaar Amory und Hunter Lovins, den Faktor 4-Ansatz, in dem er bereits realisierte Produkte, Dienstleistungen und Wirtschaftsstrukturen vorstellte, die – weltweit angewandt – “doppelten Wohlstand mit halben Naturverbrauch” versprechen.(14)

 

Schmidt-Bleek verfolgte das noch ehrgeizigere Faktor 10-Projekt, wonach die Ressourcenproduktivität sogar um das Zehnfache gesteigert werden soll.(15) Der “Faktor-“-Diskurs dient insbesondere der Einbindung der Unternehmen – ganz im Sinne der Lokalen-Agenda-21-Prozesse der 90er Jahre und dem Drei-Säulen-Ansatz der Nachhaltigen Entwicklung und eignet sich daher besonders gut für die Thematisierung im Wirtschaftsunterricht. Seine optimistische Einschätzung der Wirtschaftsentwicklung und fortwährender Fortschrittsglaube holen auch eher “öko-skeptische” Gesellschaftsgruppen ab. Inzwischen wird allerdings nicht mehr immer ein bestimmter Faktor thematisiert. Die Aachener Kathy-Beys-Stiftung betreibt das Faktor X-Portal(16), womöglich auch weil das Versprechen eines Faktor 10 sicher nicht für alle Branchen und Industrien realistisch erscheint – zumindest solange nicht das gesamte Wirtschaftssystem durch einen kompletten Relaunch in Richtung Nachhaltigkeits- oder Postwachstumsökonomie revolutioniert wird (sehr erfreulich am Faktor X-

 

Kritik am Dematerialisierungsansatz kommt aus zwei Richtungen. Wie im Kapitel Wirtschaftswachstum erläutert, ist die Weltwirtschaft weiterhin weit entfernt von einer absoluten Entkopplung des Wachstums vom Ressourcenverbrauch. Es gibt praktisch keine Ressource, deren Verbrauch derzeit zurückgeht – trotz der Forschung in Sachen Ressourceneffizienz / Dematerialisierung.(17)

Die zweite Kritik findet sich im Kapitel Nachhaltigkeit und wird sehr drastisch von Michael Braungart, einem der entschiedensten Gegner der Effizienz-Steigerung, formuliert: Effizienzsteigerungen bringen nichts, denn sie optimieren die falschen Systeme – Systeme, die zwar weniger Energie verbrauchen, aber die auch Unmengen an Giftstoffen und nicht naturverträglichen Abfällen produzieren. Die Systeme bleiben zerstörerisch – nur langsamer.(18)

 

Grundsätzliche Kritik am Diskurs um "Produktivitäten" übt der Würzburger Mathematiker Jürgen Grahl. Denn der Quotient aus Output und Input eines Produktionsfaktors sagt nicht automatisch etwas über einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Wie irreführend die Diskussion um die Produktivität sein kann, illustriert er am Beispiel der "Pferdeproduktivität" im 19. Jahrhundert. Durch den technologischen Fortschritt in Landwirtschaft, Industrie und Verkehrswesen stieg die "Pferdeproduktivität" (als Quotient aus Sozialprodukt und im Produktionsprozess eingesetzten Pferdestunden) exorbitant. Es wäre aber vollkommen sinnlos, daraus eine Leistungssteigerung oder eine höhere Entlohnung der Pferde in Form von Heu abzuleiten - im Gegenteil, das Pferd als Produktionsfaktor nahm in seiner Bedeutung kolossal ab, als Postkutschen durch die Eisenbahn, Ackergäule durch Traktoren abgelöst wurden. Grahl schlägt als ökonomisch wesentlich aussagekräftiger den Begriff der "Produktionselastizität bzw. Produktionsmächtigkeit" vor.(19) Dabei handelt es sich um eine mathematische Grenzwertbetrachtung, in der beobachtet wird, um wieviel Prozent sich der Output verändert, wenn der Input eines Produktionsfaktors um 1% gesteigert wird. Die Produktionsmächtigkeit eines Pferdes im Produktionsprozess dürfte auch heute nahe Null liegen, obwohl die "Pferdeproduktivität" heute so hoch wie noch nie in der Pferdheitsgeschichte sein dürfte (siehe auch Kapitel zu Produktionsfaktoren).

(1)  http://de.wikipedia.org/wiki/Akkumulation_(Wirtschaft)

(2)  Vgl. Senf, Bernd: Die Blinden Flecken der Ökonomie. München 2001, S. 69.

(3)  www.definero.de/Lexikon/Akkumulation+(Wirtschaft)

(4)  Vgl. Senf, Bernd: Die Blinden Flecken der Ökonomie. München 2001, S. 70.

(5) Struve, Anja und Unterreiner, Viktoria: “Für Wohlstand muss Deutschland mehr riskieren – MacKinsey Studie” www.welt.de/wirtschaft/article1974079/Fuer_Wohlstand_muss_Deutschland_mehr_riskieren.html

(6)  http://de.wikipedia.org/wiki/Lohnquote

(7) “Werdet unproduktiver!” Interview mit Thomas Mayer. In: Frankfurter Rundschau vom 20.2.2010, S.

www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/2331819_Chefvolkswirt-Mayer-Werdet-unproduktiver.html

(8) Vgl. Willke, Gerhard: Die Zukunft unserer Arbeit. 1996, S. 177.

(9) Schäfer, Holger: Beschäftigungs- und Arbeitslosigkeitsschwellen – Interpretation und internationaler Vergleich.

www.iwkoeln.de/data/pdf/content/trends02-05-5.pdf

(10) Grafik aus: http://duz.lfrz.at/duz/duz/image/img.554450

(11) Grafik aus: www.materialeffizienz.de/old_site/fachinformationen/was-bedeutet-materialeffizienz

(12) www.wupperinst.org/projekte/themen_online/mips/index.html

(13) www.rmi.org/rmi/

(14) Von Weizsäcker, Ernst U. / Lovins, Amory / Lovins, L. Hunter: Faktor 4 – Doppelter Wohlstand-Halbierter Naturverbrauch. 1995.

(15) Schmidt-Bleek, Friedrich: Wieviel Umwelt braucht der Mensch-Faktor 10-Das Maß für ökologisches Wirtschaften. 1997.

www.faktor10.at/ sowie www.factor10-institute.org/

(16) www.faktor-x.info/

(17) www.oekosystem-erde.de/html/energiegeschichte.html sowie: http://www.umweltbrief.de/neu/html/nasa.html

(18) Braungart, Michael / McDonough, William: Einfach intelligent produzieren. 2003, S. 87.

(19) http://www.sfv.de/artikel/arbeitsproduktivitaet_-_ein_missverstandener_begriff.htm

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