Nachhaltige Entwicklung im volkswirtschaftlichen Unterricht
Nachhaltige Entwicklungim volkswirtschaftlichen Unterricht

LOHAS und die bösen Konzerne

Juli 2022

 

Im gesellschaftspolitischen Nachhaltigkeitsdiskurs dieser Zeit scheinen die Rollen klar verteilt: der Markt als Organisationsform der ungezähmten kapitalistischen Konkurrenz gilt oftmals als das Böse, das von guter, demokratisch legitimierter Staatsaktivität zum Wohle der Allgemeinheit gebändigt werden muss. Wirtschaftsdidaktisch ist diese ideologische Rollenverteilung so vereinfacht zwar selten (und widerspricht natürlich curricular eingeforderter Objektivität), doch lässt sich die Dichotomie Markt-Staat praktisch durchgängig in der wirtschaftspädagogischen Literatur wiederfinden. Und es könnte sein, dass sie damit an den neuen Frontlinien des pandemischen Spätkapitalismus vorbeigeht…

 

(Teil 2 der Artikelserie zur Darstellung von Staat und Unternehmen in der Wirtschaftsdidaktik)

 

Wir meinen es alle gut. In seiner letzten DDR-Volkskammer-Rede am 13.11.1989 reklamierte selbst Stasi-Chef Erich Mielke, dass er doch immer hervorragende Arbeit geleistet habe und alle Menschen liebe. Die Geschichtsschreibung geht über dieses Fazit eines politischen Lebens mittlerweile als irrlichterndes Beispiel für die Schaffung eines systemischen Leviathans hinweg. Der heutige „Gutmensch“ (im Marketing-Jargon LOHAS genannt) kauft bio-fair, wählt grün und hat ein Abo einer linksliberalen Gazette. Das Böse, das ist der globale Markt, der Kinderarbeit in Bangladesh nach sich zieht und Lieferketten mit exorbitantem CO2-Fußabdruck erzeugt. Die Gewinner dieses Systems, geldgierige Konzerne, stehen hier im Mittelpunkt der Kritik. Als Konsumentinnen und Konsumenten leben wir vielfach gut mit dieser Rollenverteilung. Eine gewisse Ambivalenz, Teil dieses Systems zu sein und sogar zum Kreis der Profiteure zu gehören, ist uns zwar meist bewusst, aber mittels unserer Geldbörse vermögen wir durch unser Einkaufsverhalten zumindest einen Teil der Schuld abzutragen und versetzen uns in die Lage, auf den Balken in den Augen multinationaler Konzernchefs zu zeigen.

 

Ob es am Vordringen dieses Weltbildes in den gesellschaftlichen Mainstream während der 2000er und 2010er Jahre liegt, dass Unternehmensverbände gleich mehrere Studien zur Frage des Unternehmerbildes und des Images der Marktwirtschaft in Schulbüchern anfertigen ließen?(1) Sie kamen jedenfalls unisono zur Schlussfolgerung, dass Darstellungen des Unternehmertums für junge Menschen wenig attraktiv und von Vorurteilen geprägt seien. „Marktkritische Positionen durchziehen einen Großteil der vorliegenden Schulbücher und fördern das Misstrauen gegenüber der Ökonomie“(2), resümierte der Autor Klein.

 

Als Wirtschaftspädagoge vermag ich die Konnotationen der untersuchten Lehrbücher aus den Fächern Politik oder Geographie nicht zu beurteilen. Meine jahrelange Beschäftigung mit volkswirtschaftlicher Schulbuchliteratur zeigt indes keine grundsätzliche Schlagseite „contra Markt“, wie es besagte Studien nahelegten. Tatsächlich fanden sich eher Schulbücher mit marktfreundlichem bzw. staatskritischem Unterton(3) als umgekehrt.

 

Wie sehr Schulbuchstudien tatsächlich die politisch geleitete Curriculumsarbeit befruchten können, zeigte sich in den Folgejahren, in denen Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen mit der Schaffung des allgemein bildenden Unterrichtsfachs Wirtschaft den Forderungen der Unternehmensverbände nachkamen und in ihren Bildungsplänen ein betont positives Unternehmerbild unterstützten sowie Grundlagen der sogenannten Entrepreneurship Education legten.

 

Tatsächlich hat das gesellschaftliche Image von Marktliberalismus und Marktwirtschaft in den letzten 20 Jahren massiv gelitten, so dass diesbezügliche Sorgen von Unternehmensverbänden um das öffentliche Urteil über ihre gesellschaftlichen Rolle nachvollziehbar sind. Erste Kratzer erhielt diese mit der Dot.com-Krise 2000, bevor sie in Deutschland mit der Weltfinanzkrise ab 2008 endgültig ihren Heiligenschein aus der Wirtschaftswunderzeit verlor. Diverse weitere Unternehmensskandale um die Deutsche Bank oder Volkswagen führten in den vergangenen Jahren auch zu Forderungen nach einem Unternehmensstrafrecht (das in Deutschland im Gegensatz zu dem meisten Industriestaaten weiterhin nicht existent ist).(4)

In Nordamerika durchlief der Kapitalismus bereits 2002 im Zuge des Worldcom-Bilanzskandals einer ernsten moralischen Belastungsprobe. Während Politik und Konzernführungen die Probleme auf das unethische Verhalten einiger weniger Topmanager abzuwälzen versuchten, fand die kanadische Dokumentation „The Corporation“ (2003) den Fehler im kapitalistischen System in der Dominanz der Rechtsform der Kapitalgesellschaft.


Dabei gewährte sie sogar Akteuren wie dem ehemaligen Shell-Konzernvorstand Mark Moody-Stewart, der Mitte der 90er Jahre die PR-Desaster des Mineralöl-Multis Royal Dutch Shell um die Ölplattform Brent Spar und den Skandal um den hingerichteten nigerianischen Schriftsteller und Politaktivisten Ken Saro-Wiwa mit verantwortete, die Absolution „gut“ zu sein, da er im Dialog mit umweltbewegten Earth First-Aktivisten erklärte, sich wie sie um Klima und Menschenrechte zu sorgen. Der Teufel des „psychopathischen Verhaltens juristischer Personen“ steckte nach der Diagnose der prämierten und weltweit gewürdigten Filmdoku in der Konzeption haftungslimitierter Kapitalgesellschaften, die den verantwortlichen Akteuren vielfach gar keinen Raum für ethisches Verhalten lässt.

 

Der schulischen Wirtschaftsdidaktik in Deutschland muss man leider attestieren, dass ihre Aufarbeitung des „Sektors Unternehmen“ im Erhardschen Denken der 50er Jahre hängen geblieben ist. Weder wird die vortreffliche Analyse obiger Filmdoku irgendwo aufgegriffen, noch werden Modelle nach Rechtsform oder Unternehmenszielen genauer unterschieden. Im Marktmodell wird einheitlich vom „Anbieter“ oder „Nachfrager“ gesprochen, im Wirtschaftskreislauf werden Unternehmen unabhängig von ihrer Rechtsform zu einem Sektor zusammengefasst, in der Wirtschaftspolitik wird Unternehmen aller Branchen ein einheitliches Interesse an der „konjunkturellen Lagezugeschrieben. Die einzige Unterscheidung, die sich in schulischen Lehrbüchern bisweilen findet, ist jene in bedarfsdeckende (öffentliche) Unternehmen und erwerbswirtschaftliche (private) Unternehmen – wobei erstere nach einer kurzen Definition auch keine weitere Rolle im Lehrgegenstand spielen. Die Möglichkeit genossenschaftlicher Unternehmen wird ebenfalls nicht vorgesehen. Wenn die Bedarfsdeckung im Vordergrund steht, dann muss es wohl der Staat richten.

 

Nirgends findet sich eine Darstellung, dass auch erwerbswirtschaftliche Unternehmen in ihrer Zielsetzung und ihrer darauf abzielenden Organisationsform höchst unterschiedlich sind.

  • Ein einzelunternehmerischer Handwerksbetrieb hat in der Regel lediglich eine Gewinnerzielungsabsicht (ohne Maximierungs- und Expansionszwang) – der Unternehmer möchte sich und seiner Familie vor allem einen angenehmen Lebensstandard ermöglichen, so dass Erträge die Kosten in angemessener Weise übersteigen sollten.
  • Mittelständische Industriebetriebe sehen sich dagegen vielfach internationaler Konkurrenz ausgesetzt und handeln sicher am ehesten orientiert am Gewinnmaximierungsaxiom – sie müssen regelmäßig Investitionen tätigen, um nicht vom Markt verdrängt zu werden, was einen erhöhten Kosten- (und Gewinn-)druck erzeugt.
  • Nur sehr wenige Lehrbücher erwähnen das hoch umstrittene betriebswirtschaftliche Ziel im Finanzkapitalismus des 21. Jahrhunderts, das Prinzip des Shareholder Value – Konzerne, wie in The Corporation beschrieben, versuchen in der Regel den Börsenkurs ihrer Aktien in die Höhe zu treiben. Dabei ist der Jahresgewinn nur eine Möglichkeit neben vielen anderen, um dieses Ziel zu erreichen (hier seien insbesondere schlagzeilenträchtige Entlassungen oder Innovationsankündigungen, d. h. insbesondere das weite Feld der Unternehmens-PR genannt).
  • Die Unternehmensziele von Investment- bzw. Hedgefonds bestehen in der Optimierung von Vermögensportfolios – hier ist es üblich, sogar profitable Unternehmen abzustoßen oder zu schließen, wenn sie den eigenen Renditeerwartungen oder der Portfolio-Idee nicht mehr entsprechen.
  • Schließlich finden sich noch Investoren, die anstatt auf Gewinn auf fallende Börsenkurse setzen und durch die berüchtigten „Leerverkäufe“ ihren eigenen Gewinn maximieren. 

Der Mythos des „gewinnmaximierenden“ Unternehmens (das über die „unsichtbare Hand“ auch noch den gesellschaftlichen Wohlstand steigert) müsste in dieser Zeit deutlicher ausdifferenziert werde, wobei die immer stärkere Dominanz von Kapitalgesellschaften (die ihre Standortentscheidungen auch noch zunehmend nach steuerlichen Aspekten treffen) im globalen Finanzkapitalismus zeigt, dass das schulische Unternehmensbild selbst in der Wirtschaftspädagogik schon seit Längerem einer Generalüberholung bedarf.

 

Wir leben im Jahr 2022 und im Jahr 2 nach Corona. Unabhängig von medialen Schlagworten von der „neuen Normalität“ dürfte auch dem bzw. der Letzten aufgegangen sein, dass gesellschaftliche Wahrheiten (sogenannte Narrative) der Vor-Corona-Zeit (sowie jene der Pandemiepolitik selbst) auf den kritischen Prüfstand gehören – das gilt auch für ökonomische Theorien. In diesem Sinne bemerkenswert ist Tim Gielens Filmdokumentation „Monopoly". Während sich der zweite und dritte Teil der Dokumentation des Holländers kritisch mit dem Corona-Narrativ und der Rolle der Medien in der Corona-Zeit auseinandersetzen und von maßnahmenunkritischen Menschen mitunter auch ablehnend wahrgenommen werden mögen, bildet Teil 1 („Wer regiert unsere Welt?“)(5) die logische Fortsetzung der Filmdoku The Corporation.

Gielen zeigt auf frappierende und nachvollziehbare Weise, wie unglaublich die Kapitalkonzentration der weltweiten Konzerne bereits fortgeschritten ist. Das in Deutschland bekannteste Beispiel einer „Pseudo-Marktkonkurrenz“ stellen vermutlich die in einem gemeinsamen Konzern befindlichen Elektromärkte Saturn und MediaMarkt dar. Gielen schlüsselt ähnliche Eigentümerverhältnisse bei einer Vielzahl globaler Konzerne auf (auch Medienkonzerne), deren Eignerschaft mittels unzähliger Kreuzbeteiligungen fast durchweg in den schier übermächtigen Fondsgesellschaften Vanguard und Blackrock (welche ihrerseits wiederum von Vanguard dominiert wird) zusammenläuft.

 

Damit müssten auch volkswirtschaftliche Standardmodelle wie das „Stackelbergsche Marktformenschema“ für etliche Märkte relativiert werden. Wenn selbst oligopolistisch scheinende Märkte von denselben Eigentümern kontrolliert werden, verweisen sie das Marktaxiom „Vollständige Konkurrenz“ endgültig ins Reich ökonomischer Märchen. Und müsste man nicht auch das Kapitel „Wettbewerbspolitik“ kraft der faktischen Verhältnisse aus den Bildungsplänen streichen?

 

In der obigen Kurzversion des Dokumentarfilms bleibt die Frage, welche Personenkreise hinter der Vanguard Group stehen, am Ende unbeantwortet - aber nicht bedeutungslos. Tatsächlich führt die Fokussierung auf die Gegenüberstellung von „Unternehmen/Konzernen“ (bzw. „institutionelle Anlegern“) und „Staat“ auch dazu, dass Verantwortlichkeiten abstrahiert und anonymisiert werden, obwohl ja konkrete und menschliche Akteure handeln und Nutznießer des Systems sind.

Inwieweit diese auf die operativen Entscheidungen von Konzernleitungen Einfluss nehmen, politische Entscheidungsträger*innen lobbyieren oder - in der Horkheimerschen Diktion - sich als als Rackets den Staat zur Beute machen(6), darüber diskutieren inzwischen primär soziale Netzwerke und Alternativmedien, während sich der mediale Mainstream(7) oder gar die einschlägige Schulbuchliteratur darüber ausschweigen. Entsprechende „Verschwörungsnarrative“ sind gleichwohl schwer überprüfbar. Das wäre aber dringend notwendig, wenn man die im traditionellen Demokratieverständnis implizite und und in ökononmischen Curriculen angelegte Gegenüberstellung eines Marktes und des diesen kontrollierenden Staates aufrechterhalten will.

 

Noch unklarer ist, welches ökonomische Verhalten in einer Welt einer solchen Machtkonzentration noch als „gut“ oder „böse“, „richtig“ oder „falsch“ gelten kann. Sind es am Ende nicht die LOHAS-Konsument*innen, die die Welt retten, sondern die strategischen Entscheidungen besagter „Machteliten“, die einen „Great Resetoder „Wall Street Consensuszum Wohle aller installieren? Und wäre das schlimm? Dabei wäre zu diskutieren, ob die Antworten noch in den Erkenntnisgegenstand der Ökonomik, in die politische Lehre oder gar in den Ethik-Unterricht fallen. Fakt ist, dass Post-Corona-Diskussionen mittels Modellen aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert nicht mehr zu einem befriedigenden Ergebnis geführt werden können.

 

 

Hier geht es zum ersten Teil der Artikelserie zur Darstellung von Staat und Unternehmen in der Wirtschaftsdidaktik: „Homo Oeconomicus und der gute Diktator.

 

 

[1] Vgl. Klein, Helmut E.: Unternehmer und soziale Marktwirtschaft in Lehrplan und Schulbuch. Hrsg.:
Bundesarbeitsgemeinschaft SchuleWirtschaft 2011. https://docplayer.org/5855497-Unternehmer-und-soziale-marktwirtschaft-in-lehrplan-und-schulbuch.html

Sowie: Lenz, Justus: Die Darstellung von Marktwirtschaft und Unternehmertum in in Schubüchern in Deutschland und in der deutschsprachigen Schweiz. Hrsg: Friedrich Naumann Stiftung/Hamburger Weltwirtschaftsinstitut 2010. https://www.hwwi.org/fileadmin/hwwi/Zweigniederlassung_Thueringen/Produkte/Studien/Studie_Schulbuecher_Marktwirtschaft.pdf

[2] Klein, S. 82.

[3] Hier sind insbesondere folgende Lehrbücher zu nennen: Brunetti, Aymo / Großer, Thilo: Volkswirtschaftslehre – Eine Einführung für Deutschland. hep Verlag, 1. Auflage (2014), sowie Boller/Schuster: Praxisorientierte Volkswirtschaftslehre für das Fachgymnasium. Merkur Verlag, 9. Auflage (2009).
Betont marktkritisch geben sich lediglich die stark umweltorientierten Lehrbücher von Peters, Heidrun: Lernt gmeinsam handeln! Winklers Verlag, 10. Auflage (2010). Dezidierte Rezensionen und Schulbuchstudie: https://www.vwl-nachhaltig.de/home/lehrwerke/

[4] Kubiciel, Michael: Braucht Deutschland ein Unternehmensstrafrecht? https://www.compliance-manager.net/fachartikel/braucht-deutschland-ein-unternehmensstrafrecht-1511095251

[5] https://www.oval.media/d9138e00-4364-41aa-aef1-694f6a74e674/

[6] Lindemann, Kai: Die Politik der Rackets - Zur Praxis der herrschenden Klassen. Verlag Westfälisches Dampfboot. 2021.

[7] Immerhin hierzug: "Der Neoliberalismus begünstigt die die Staatsplünderung" - Interview mit Kai Lindemann. In: der Freitag vom 28.7.2022, Seite 16. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wie-sichern-sich-eliten-oligarchen-mafiosi-ihre-macht

 

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