Nachhaltige Entwicklung im volkswirtschaftlichen Unterricht
Nachhaltige Entwicklungim volkswirtschaftlichen Unterricht

Ökologische Wahrheit statt Grüne Lüge

Haben wir’s uns nicht immer schon gedacht? Die Konzerne sind böse. Mit zweifelhaften Ökolabels betreiben sie Greenwashing. Von wegen, wir retten die Welt mit unserem Geldbeutel, das „nachhaltige Palmöl“ ist nicht besser als konventionelles.

 

Was bringt dann der Trip in den Bio-Supermarkt? Lidl ist billiger…

 

Werner Bootes großartige Dokumentation „Plastic Planet“ war es vor einigen Jahren, die einer nichtsahnenden Öffentlichkeit zum ersten Mal die globale Verseuchung der Ökosphäre durch Plastik vor Augen führte. In seinem neuen Film „Die Grüne Lüge“ will uns der Wiener zusammen mit der Buch-Autorin Kathrin Hartmann erneut aufrütteln: Die vermeintlich „nachhaltigen“ Produkte, mit denen Weltkonzerne wie Unilever unser grünes Gewissen beruhigen (und gut verdienen), halten nicht, was sie versprechen. Aber mal im Ernst, wer nimmt Global Playern wie RWE oder BP heute noch ihr Umweltengagement ab? Muss man sich für diese Erkenntnis noch ins Kino setzen? Vielleicht. Denn der neue Retter des motorisierten Individualcruisens, Tesla, bekommt in „Die Grüne Lüge“ ebenfalls sein Fett weg: E-Mobilität ist bloß eine neue Variante uns Sand in die Augen zu streuen. Und auch die bestinformiertesten LOHAS werden in dem Film ungeahnte Öko-Schweinereien entdecken.

 

Nur stimmt das? Ist „grüner Konsum“ wirklich immer sinnlos? Was ist dann mit den unzähligen (Klein-)Unternehmen und Gemeinwohlbetrieben, die sich um eine natur- und sozialverträglichere Produktionsweise kümmern? Ist denn jede Bioliebesmüh vergebens, hilft der Kauf eines fair gehandelten T-Shirts am Ende nicht wenigstens seiner Erzeugerin im zertifizierten Textilbetrieb zu einem etwas würdevolleren Leben, von dem ihre Kolleginnen im Sweatshop bestenfalls träumen? Die Intention des Films kann leicht nach hinten losgehen, wenn hyperkritische Verbraucher/innen (oder alle diejenigen, die schon immer auf den Ökohype gepfiffen haben) nun bedenkenlos zum Billigprodukt greifen.

Zurück zu den Wurzeln

 

Das ist nicht, was uns die Autorin des begleitenden Sachbuchs, Kathrin Hartmann, sagen will. Sie möchte den kritischen Bürger und die kritische Bürgerin, die ihr soziales Engagement nicht gegen Bio-Käse eintauschen, sondern die Politik an ihre Zuständigkeit erinnern. Damit kehrt sie zurück zu der Ursprungsidee der „Nachhaltigen Entwicklung“, die die UN-Brundtland-Kommission vor 30 Jahren der Politik ins Stammbuch schrieb: gesetzliche Rahmensetzung für eine ökologische Produktionsweise – von der heute vielfach beworbenen Verantwortung der Konsumentinnen und Konsumenten war damals keine Rede.

 

Doch hier schwächelt der Film. Denn dass Aktiengesellschaften schon auf Grund der juristischen Verfasstheit ihrer Rechtsform den antisozialen Charakter von Psychopathen haben, hat vor Jahren die kanadische Erfolgsdoku „The Corporation“ pointierter verdeutlicht. Am Ende der Reise um die Welt zu den Orten der ökologischen Verwüstung sieht man Hartmann und Boote, der nach eigenen Bekunden noch nie zuvor auf einer politischen Massenkundgebung gewesen war, in vorderster Reihe in einer Demonstration gegen das Agrar-Pestizid Glyphosat durch die Straßen ziehen. Wir sollen also auch selber neue Wege beschreiten, so weit, so gut. Aber reicht das? Kann denn Gewissensberuhigung mit dem Geldbeutel ersetzt werden durch Gewissensberuhigung auf Schuhsohlen?

 

Grüne Lügen – und wie weiter?

 

Man kann den beiden Filmprotagonisten selbst kein Greenwashing unterstellen: Wie es der Filmtitel verspricht, hinterfragen sie die übelsten Fälle von Öko-Heuchlertum. Dabei bleibt es. Es mangelt an einer positiven Vision. Wie sollen denn politische Rahmenbedingungen aussehen, damit wir am Supermarktregal nicht mehr von der Fülle an kryptischen Produktinformationen erschlagen werden? Hier gibt es eigentlich nur eine Lösung: Die ökologische Preiswahrheit“. Und die lässt sich einzig und allein herstellen durch Umwelt-, Energie- und Ressourcensteuern, wie sie in den 80er Jahren der kürzlich verstorbene Ökonom Hans Christoph Binswanger in die öffentliche Debatte einbrachte. Dann wäre ein hoher Preis ein Signal für Umweltschädlichkeit und ein günstiger Preis ein Signal für (angenäherte) Nachhaltigkeit. Hier ist in letzter Zeit politisch so gut wie gar nichts mehr passiert - und entsprechende Initiativen erfahren auch in der digitalen Entrüstungsgesellschaft nur unzureichende Unterstützung.  

 

Mit Steuern steuern

 

Vielleicht weil Steuern alles andere als sexy sind? Oder fehlt es einfach mal an einem guten Dokumentarfilm, der einer breiten Öffentlichkeit spröde, aber konstruktive Lösungen auf gewitzte Weise zugänglich macht? Das wäre eigentlich Bootes Metier. Denn eines muss man ihm lassen: Seine Dokumentationen sind nicht nur kontrovers, sondern auch ausgesprochen unterhaltsam.

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