Nachhaltige Entwicklung im volkswirtschaftlichen Unterricht
Nachhaltige Entwicklungim volkswirtschaftlichen Unterricht

Das Jubiläum, das es nicht geben sollte

September 2020

 

Jubiläen sind doch etwas Nettes. Wir feiern unsere Existenz und danken dafür, dass wir noch da sind. Ein wenig Heroisches ist auch dabei, haben wir uns doch nicht entmutigen lassen, die Unwägbarkeiten der Zeit überstanden und uns unabhängig vom gesellschaftlichen Erfolg einem Projekt gewidmet. Ja, 10 Jahre Webpräsenz von www.vwl-nachhaltig.de sind ein Grund zum Feiern. Doch wenn es um Nachhaltigkeit geht, sollte es solche Jubiläen eigentlich gar nicht geben...

 

Nachhaltigkeitsinitiativen sind kein Selbstzweck. Sie behaupten, die Welt verändern zu wollen, weil die traditionellen Theorien und Narrative und deren gesellschaftliche Umsetzung für eine nachhaltige Zukunft nicht taugen. Ihr Erfolg lässt sich dabei nicht an ihrer Existenz messen, sondern daran, ob sie die gesellschaftlichen Praxen verändert haben. Hätten sie dies erreicht, wäre ihre Arbeit (und folglich ein Jubiläum) überflüssig.

 

Seit 10 Jahren stelle ich Kolleg*innen und der Öffentlichkeit meine Unterrichtserfahrungen zum Thema Wirtschaft und Nachhaltigkeit zur Verfügung. Auf meiner Webseite versuche ich, im Sinne gültiger Lehrpläne Fragen der Nachhaltigen Entwicklung und der in schulischen Curricula kanonisierten Wirtschaftslehre miteinander kompatibel zu machen. Nicht alles ist ausgereift. Aber in unzähligen Unterrichtsstunden erprobt. Vergleichbares suche ich andernorts vergebens, sonst würde ich mir auch nicht die Mühe machen, die Seite weiter zu betreiben.

 

Ermutigung gab es immer wieder. In schöner Regelmäßigkeit erhalte ich lobenden Zuspruch von Zeitgenoss*innen, die sich ebenso wie ich der Nachhaltigkeit des wirtschaftlichen Denkens widmen. Es handelt sich dabei allerdings zumeist um keine studierten Ökonom*innen oder Wirtschaftspädagog*innen, sondern um unabhängige Privatgelehrte. Trotzdem freut mich das immer unheimlich. Vielleicht weil mir bewusst ist, dass ein Umdenken im System der etablierten Wirtschaftswissenschaft und -didaktik bis heute rar gesät ist und im Kern des Problems liegt.

 

Eine akademische Karriere hatte ich nie im Sinn, denn am liebsten unterrichte ich in meinem Vollzeitjob an einem nordrhein-westfälischen Berufskolleg. Doch was die Innovation der Lehre betrifft, ist offensichtlich, dass mir in den Augen Vieler der Professoren- oder Doktorentitel fehlt. „Citizen Science“ ist ein schönes Schlagwort, scheint aber in der Praxis bedeutungslos zu sein. Nur einmal erhielt ich „akademische Weihen“ und durfte dank der Fürsprache von Professorin Bettina Zurstrassen im Blog der Universität Bielefeld einen Artikel publizieren: Vorausgegangen war das Projekt „Schulbuchstudie zur Nachhaltigkeit in volkswirtschaftlichen Lehrbüchern“, bis heute das einzige seiner Art. Das Agenda-Netzwerk der Stadt Düsseldorf hatte schon länger die Bedeutung schulischer Lehrbücher für die sozial-ökologische Transformation im Fokus und mir den Auftrag zur Erstellung einer entsprechenden Studie zu meinem Fachgebiet der volkswirtschaftlichen Schulbücher erteilt. Im Rückblick erscheint es wirklich unfassbar, dass es den Förderern des Projekts, Klaus Kurtz und Gerd Deihle, gelang, die Publikation im Namen der Stadt Düsseldorf tatsächlich zur Veröffentlichung zu bringen. Bis alle Gremien überzeugt waren, dauerte es gut zwei Jahre. Schließlich erhielt das Projekt sogar den Segen hochrangiger Düsseldorfer Lokalpolitiker/innen bis hin zum Oberbürgermeister. Doch das Zeitfenster hatte sich mittlerweile geschlossen, um damit auch in den örtlichen Unternehmensnetzwerken Anschluss zu finden. Wichtige Kontakte waren in der Zwischenzeit abgewandert oder in den Ruhestand verabschiedet worden. Und Unterstützung aus dem unmittelbaren persönlichen und beruflichen Umfeld war alles andere als selbstverständlich. Ach ja, wie war das mit dem „Propheten im eigenen Land“?

 

Die überregionale Vermarktung der Studienergebnisse erwies sich allerdings als ebenso zäh. Sämtliche informierte Schulbuchverlage schwiegen sich aus. Einige BNE-Initiativen wurden auf unser Thema aufmerksam. Es kam zu Einladungen von hochspezialisierten Partnern wie EPiZ-Berlin oder dem BilRess-Netzwerk, das Expert*innenportal LizzyNet führte ein Interview. Doch ein nennenswerter gesellschaftlicher Dialog um die Bedeutung einer nachhaltigen Wirtschaftslehre lässt bis heute auf sich warten. Kontakte zum größten deutschen Umweltverband verliefen im Sand. Könnte es ein, dass manche Protagonist*innen in Nachhaltigkeitsinitiativen mehr am eigenen Einfluss auf der Bühne der „großen Politik“ oder an den persönlichen Steckenpferden interessiert sind als an gemeinschaftlicher Durchsetzung des nachhaltigen Denkens in der Breite der Gesellschaft?

 

Gefordert wäre hier auch die „Vierte Gewalt“. Bar jeglichen journalistischen Interesses und publizistischer Aufarbeitung segelt die Problematik einer „nicht-nachhaltigen Wirtschaftslehre“ bis heute unter dem Radar der Öffentlichkeit. Wie schnell sich das ändern könnte, zeigte das eine Mal, als ich nach einem günstig platzierten Beitrag in einem Leitmedium, der Frankfurter Rundschau, bemerkenswerte Apologien aus etablierten Kreisen von Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftsdidaktik erhielt. Die Frage nach der Nachhaltigkeit der Wirtschaftslehre scheint tatsächlich ein Wespennest zu sein... Eine persönliche Begegnung trauten sich die betreffenden Personen dann doch nicht zu. Mittlerweile weiß ich, dass ich als „wirtschaftsdidaktischer Dissident“ in manchen Ministerien und Lehrplankommissionen für Unruhe sorge. Viel Feind, viel Ehr? Meine Beobachtung der vergangenen Jahre ist, dass es immer nur mutige Einzelpersonen an wichtigen Schaltstellen sind, die - unabhängig von ihrer politischen Couleur - Themen der Bildung für nachhaltige Entwicklung entscheidend weiterbringen.

 

Wenn ich anno 2020 meine neuesten Lehrbuchrezensionen online stelle, muss ich einräumen, dass aller Einsatz für eine nachhaltige Wirtschaftspädagogik bisher wenig gebracht hat. Die aktuellen Veröffentlichungen der einschlägigen Schulbuchverlage zeigen, dass die Zeichen der Zeit – Greta Thunberg hin oder her – dort bisher nicht ausreichend erkannt worden sind.

 

Das 10-Jahres-Jubiläum ist somit ein fragwürdiges. Doch ist die Thematik zu wichtig, um sie aufzugeben. Als Christ will ich mich durch Rückschläge nicht entmutigen lassen. Es kündigen sich auch schon wieder neue spannende neue Projekte an. Damit sie tatsächlich fachdidaktische und gesellschaftliche Veränderung bewirken, bin ich aber weiterhin auf der Suche nach neuen Mitstreiter*innen und Impulsen.

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