Nachhaltige Entwicklung im volkswirtschaftlichen Unterrricht
Nachhaltige Entwicklungim volkswirtschaftlichen Unterrricht

Willkommen in der Postwachstumsgesellschaft: Zeit für neuen Realismus

Wachstumskritik ist wieder hip. Anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos im Januar 2014 appellierte Papst Franziskus an die Teilnehmer, nicht allein auf das Wirtschaftswachstum zu vertrauen, um für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Der Papst mischt sich in aktuelle wirtschaftspolitische Diskussionen ein – und beweist damit kirchliche Verantwortung für weltliche Entwicklungen.

 

Das neoliberale Mantra der Reaganomics- und Thatcherismus-Ideologie vom steigenden Boot des Wirtschaftswachstums, an dem alle teilhaben könnten, ist spätestens seit der Weltfinanz- und Eurokrise gekentert. Nicht nur in Griechenland oder Spanien bekommen das die Menschen derzeit eiskalt zu spüren; selbst das vermeintliche Wirtschafts-Eldorado Deutschland verdankt die günstige Entwickung seines wichtigsten Wirtschaftsindikators, des Bruttoinlandsprodukts, nicht zuletzt der durch die Hartz-Gesetze eingeläuteten Flexibilisierung des Arbeitsmarkts. Und so haben auch deutsche Zeit-, Leiharbeiter und Minijobber heute nur noch wenige Euro übrig, um die hochglänzenden Wirtschaftsmagazine zu kaufen, in denen sich die deutsche Wirtschaft als Europas Wachstumsmotor feiert.

 

Papst und prekär beschäftigte Arbeitnehmer können sich bei ihrer Kritik auf profunden Munde berufen. Dass Wirtschaftswachstum die Lebensqualität nicht notwendigerweise fördert, stellte in Deutschland im Frühjahr 2013 explizit die vom Deutschen Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ nach zweijähriger Arbeit in ihrem Abschlussbericht fest:

 

„Als unstreitig wird allgemein angesehen, dass das Bruttoinlandsprodukt die sozialen und ökologischen Aspekte nicht hinreichend widerspiegelt. (…) Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend zu untersuchen, welche Faktoren und Entwicklungen bei politischen Bewertungen und Entscheidungen berücksichtigt werden sollten, um Wohlstand und Lebensqualität sachgerechter zu analysieren und zu bewerten.“ (1)

 

Und so entwickelte die Kommission einen sogenannten „W³ Indikator“, der den gesellschaftlichen Wohlstand zuverlässiger messen soll als das ungeliebte BIP: Dieser Index soll diverse Entwicklungen zugleich abbilden: Ökonomische durch das BIP pro Kopf, die Einkommensverteilung und die Staatsschulden, den sozialen Bereich durch die Indikatoren Beschäftigung, Bildung, Gesundheit und Freiheit und den Bereich Ökologie durch die Variablen Treibhausgase, Stickstoff und Artenvielfalt.

 

Ein Jahr ist vergangen, wann startet vor jeder Tagesschau endlich der allabendliche Nachhaltigkeitsbericht „W³ vor Acht“?

 

Man kann der Enquete-Kommission keinen Vorwurf machen. Ihr Auftrag war die Entwicklung, nicht die Verbreitung eines geeigneteren Wohlstandsindikators als das Bruttoinlandsprodukt. Doch ein Rätsel bleibt, weshalb der Bundestag überhaupt eine Kommission mit einer Frage beauftragte, die bereits seit Jahrzehnten in jedem Ökonomie-Lehrbuch beantwortet wird? Dass das BIP und gesellschaftlicher Wohlstand oft zwei Paar Schuhe sind, ist hinlänglich bekannt. Diese Kritik ist über 40 Jahre alt. Geändert hat sich an der herrschenden Wirtschafts- und Finanzpolitik deshalb überhaupt nichts. Auch seit rund 30 Jahren wurde wissenschaftlicherseits eine Vielzahl alternativer Wohlstands-Indikatoren entwickelt: ISEW, GPI, HDI, NWI... Keiner davon hat je die unangefochtene Stellung des BIP in Gefahr gebracht. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und werden von der Wachstumskritik bis heute nur unzureichend diskutiert.

Es ist eine Fehleinschätzung, dass beim BIP wirklich die Wohlstandsmessung im Vordergrund steht. Denn kaum eine Normalbürgerin interessiert sich für den „gesellschaftlichen Wohlstand“, gleichgültig ob er am BIP, am W³ Indikator oder an Human Development Index, Happy Planet Index, Bruttonationalglück (oder wie sie alle heißen) gemessen wird. „Wohlstand“ ist in den Augen der Menschen ein sehr privater Begriff – er wird gemessen am persönlichen Bankkonto und Freiheitsgraden des persönlichen Lebensstils. Wie es dem Nachbarn dabei geht (geschweige denn der „Gesellschaft“), bringt heute weder Hund noch Herrchen auf die Straße. Deshalb gab es auch nur wenig Widerstand gegen die Hartz-Gesetze und sonstigen Sozialabbau.

 

Entscheidend für die Unverwüstlichkeit des BIP ist etwas anderes: Wir alle – selbst eingefleischte Wachstumsskeptiker – erleiden mediale Magenschmerzen, wenn wieder von „Rezession“, „Abschwung“ die Rede ist, wenn es „Der Wirtschaft“ oder „Der Konjunktur“ „schlecht geht“. All dies sind Synonyme für ein BIP, dessen Wachstum sich verlangsamt oder im Extremfall sogar umkehrt. Und da (im bestehenden System!) auch der Arbeitsmarkt sowie das Steueraufkommen damit gekoppelt sind, bekommen wir bei schwächelndem BIP-Zuwachs alle miteinander Gewissensbisse, weil wir wissen, dass mal wieder die Ärmsten der Armen zuerst darunter zu leiden haben – kaum jemand käme auf die Idee, die abgebremsten oder gar rückläufigen Einkommen proportional auf alle Bürger zu verteilen, nicht mal die LINKE.

Das BIP hat ohne jeden Zweifel etwas mit dem Auslastungsgrad des betrieblichen Produktionspotentials zu tun. Und da „Umverteilung“ ein politisch schwieriger Prozess ist, kümmert sich die Politik vorzugsweise um Erhöhung des statistisch-ausweisbaren finanziellen Verteilungsspielraums, das BIP...

 

Vielleicht ist ein anderes Axiom einer besserer Startpunkt künftiger Wachstumskritik: Es gibt einige Gründe, weshalb in den nächsten Jahren schlichtweg kaum noch mit Wachstum zu rechnen ist (einer der wenigen Publizisten, der diese Position offensiv vertritt, ist Meinhard Miegel in seinem Buch „Exit – Wohlstand ohne Wachstum(2)).

 

Gründe für ausbleibendes Wachstum werden sein:

 

  • Je größer die Volkswirtschaft, desto geringer fallen bei linearem Wachstum prozentual die jährlichen Zuwächse, genannt Wirtschaftswachstum, aus.
  • Die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland wird (jedenfalls ohne Migration) rückläufig sein; die Bevölkerungszahl ist aber ein meist vernachlässigter Bestimmungsfaktor des Wirtschaftswachstums, man kann daher mit tendenzieller Schrumpfung der volkswirtschaftlichen Produktion rechnen, bestenfalls kompensiert durch Produktivitätszuwächse.
  • Seit knapp 30 Jahren ist in fast allen Industrieländern das Wachstum netto rein schuldenfinanziert; die Schuldenfinanzierung führt, dies ist das Hauptproblem, zu immer weiter auseinander driftenden Vermögen zwischen Arm und Reich, sowohl innerhalb von Gesellschaften, als auch international zwischen Volkswirtschaften; dies führt zu immer dramatischer werdenden Instabilitäten.
  • Auch die deutsche Sonderkonjunktur (und die einiger Nachbarökonomien) wird sich auf Dauer kaum durchhalten lassen, wenn weite Teile Europas nicht mehr auf die Füße kommen.
  • Die „Ankurbelung“ der Wirtschaft erschöpft zunehmend den Einzelnen, das Sozialgefüge und die globale Ressourcenbasis – eine weitere Ausweitung der Produktion wird auf Grund begrenzter Ressourcen immer schwieriger und teurer.

 

Es gibt jedenfalls gute Gründe, davon auszugehen, dass es – selbst bei kontinuierlicher Entwicklung – in den nächsten Jahren kaum noch ein Wachstum geben wird. D.h. auch die realisierbare Verzinsung von Kapital wird sinken. Schon seit einigen Jahren lässt sich eine tendenzielle Senkung der Geldmarktzinsen in Richtung Nullpunkt beobachten. Wir müssen uns alle daran gewöhnen, dass wir in eine Phase der Stagnation (positiv: Stabilität) eintreten. Wir brauchen aber für eine solche Gesellschaft Konzepte, die ohne Wirtschaftswachstum funktionieren. Angelika Zahrnt und Irmi Seidl haben diese Debatte mit ihrem Buch „Postwachstumsgesellschaft(3) eröffnet. Darin diskutieren sie Ideen für eine wachstumsunabhängige Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Steuer-, Gesundheitspolitik usw.. Denn zumeist werden ja gerade die vermeintlichen Sach- und Finanzzwänge der verschiedensten Politikbereiche angeführt, weshalb die Politik nicht auf die Wachstumsförderung verzichten könne.

 

Wenn wir obige Gründe ernst nehmen, so besteht die Chance darin, die Postwachstumsforschung als „neuen Realismus“ zu begreifen und dem Ausbleiben von Wachstum mit Optimismus und Konzepten für die Postwachstumsära begegnen. Wer dann noch von Wirtschaftswachstum faselt, sollte in einem solchen Diskurs als „Träumer“ und „Utopist“ betrachtet werden – also eine genau umgekehrte Rollenverteilung wie in den vergangenen 40 Jahren.

Willkommen in der Postwachstumsgesellschaft
Artikel (2013)
Willkommen in der Postwachstumsgesellsch[...]
PDF-Dokument [74.0 KB]

(1) Zitiert nach: Patalong, Frank: „Eine Wanderausstellung kann sinnvoll sein“. Spiegel-Online vom 16.4.2013.

http://tinyurl.com/cpkzg4g

(2) Miegel, Meinhard: Exit. Wohlstand ohne Wachstum. Propyläen-Verlag, Berlin 2010. ISBN: 978-3-54907-3650

(3) Seidl, Irmi u. Zahrnt, Angelika (Hrsg.): Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft. Metropolis Verlag, Marburg 2010. ISBN 978-3-89518-811-4.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© VWL-Nachhaltig