Nachhaltige Entwicklung im volkswirtschaftlichen Unterricht
Nachhaltige Entwicklungim volkswirtschaftlichen Unterricht

Warum wir „wachstumsunabhängig“ werden müssen

Robert F. Kennedy, 1968. ©Evan Freed.

„Das Bruttosozialprodukt berücksichtigt die Luftverschmutzung, die Zigarettenwerbung und die Krankenwagen, die auf unseren Straßen Verletzte bergen. Es enthält die Kosten für Alarmanlagen, mit denen wir unsere Häuser schützen, und die Gefängnisse, in die wir jene einsperren, die dennoch in sie eingebrochen sind. Es steigt infolge der Zerstörung unserer Urwälder, an deren Stelle Städte wuchern. Es erfaßt die Produktion von Napalm, Atomwaffen und Panzerfahrzeugen, mit denen die Polizei Unruhen in unseren Städten bekämpft. Es steigt auch durch […] gewaltverherrlichende Fernsehsendungen, mit deren Hilfe man Kindern Spielzeug verkaufen will. Was es hingegen nicht berücksichtigt, ist der Gesundheitszustand unserer Kinder, die Qualität von Schule und Ausbildung oder die Fröhlichkeit unserer Spiele. Es mißt weder die Schönheit unserer Lyrik noch die Haltbarkeit unserer Ehen. Es schert sich nicht um die Qualität unserer politischen Debatten und um die Intelligenz unserer Abgeordneten. Es mißt weder unseren Mut noch den Grad unserer Reife und Kultiviertheit. Es sagt nichts über unser Mitgefühl mit anderen oder unser Engagement für unser Land. Mit einem Wort: Das Bruttosozialprodukt verzeichnet auf alles bis auf das, was das Leben lebenswert macht.“(1)

Vor 50 Jahren, am 18.3.1968, drei Monate vor seiner Ermordung, formulierte der amerikanische Präsidentschaftskandidtat Robert F. Kennedy erstmals öffentlichkeitswirksam eine Kritik am alles beherrschenden Maß der Dinge unserer Epoche. Das Statement war zu seiner Zeit mehr als visionär, denn es existierte weder die Umweltbewegung darauf folgender Jahrzehnte noch hatten Dennis und Donella Meadows mit ihrem Team ihre Studie zu den „Grenzen des Wachstums“ durchgeführt und den ersten weltweiten Schock über die Auswüchse einer wirtschaftswissenschaftlichen Manie ausgelöst.  

 

Ein halbes Jahrhundert später hat Robert Kennedys Kritik nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Geändert hat sich lediglich die Begrifflichkeit, hat doch Mitte der 90er Jahre mit dem Europäischen System volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung (ESVG) das Bruttoinlandsprodukt das Bruttosozialprodukt ersetzt. Was sich noch geändert hat: Inzwischen werden auch Drogenhandel und Prostitution als volkswirtschaftliche Produktionsleistungen erfasst. Unsere Bewertung der wirtschaftlichen Entwicklung hängt nicht nur sprichwörtlich an der Nadel des Wirtschaftswachstums.

 

Keine Wahlkampfkampagne, kein Gipfeltreffen von Regierungschefs, keine wirtschaftspolitische Agenda, die nicht als unumstrittenes Überziel Wirtschaftswachstum in den Mittelpunkt stellen würden. Zur Gewissensberuhigung wurden neue Attribute erfunden, die man dem altbekannten Rezept voranstellen kann. Die aktuelle EU-Strategie Europa 2020 fordert intelligentes, nachhaltiges und inklusives Wachstum – sogar die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) proklamieren das „dauerhafte, nachhaltige und inklusive Wachstum“ als weltweites Ziel bis 2030. Wachstum, Wachstum über alles, es war nur eine Frage der Zeit, wann eine neue Strophe der deutschen Nationalhymne gedichtet würde. Die Mittelalter-Rock-Band Saltatio Mortis hat sich dieser Aufgabe angenommen und - für ihre Zunft ungewöhnlich - das Lied sogar mit einem offenen Brief mit einer klaren politischen Botschaft begleitet.

 

Wie kann das sein? Haben wir nichts gelernt? An der fehlenden Thematisierung im Schulunterricht liegt es nicht. Die von Kennedy vorgetragene Kritik am Bruttoinlandsprodukt als Wohlstandsindikator ist seit über 30 Jahren Bestandteil ökonomischer Lehrbücher. Und auch an der – punktuellen – Behandlung der (ökologischen) Wachstumsgrenzen mangelt es nicht. Dennoch lassen sich didaktische Leerstellen konstatieren. Unsere Düsseldorfer Schulbuchanalyse der gängigen Lehrwerke ökonomischer Grundbildung zeigt, dass Kritik am BIP oder Wirtschaftswachstum Seite an Seite mit einer unverminderten Wachstumsorientierung des übrigen Lehrgegenstands geht. Sowohl nachfrageorientierte (keynesianische) als auch angebotsorientierte (monetaristische) Wirtschaftspolitik vertrauen unisono auf Wachstum als das Allheilmittel aller gesellschaftlichen Probleme. Darüber hinaus gehende Konzepte werden in der schulischen Wirtschaftsdidaktik nicht vermittelt. Aufgeweckte Lernende müssen dem Fatalismus anheim fallen, wenn Wirtschaftspolitik ohne ein ökologisch und sozial ausbeuterisches Wirtschaftswachstum nicht mal ansatzweise zur Sprache kommt.

 

Der Teufel liegt auch im Detail der allgegenwärtigen sprachlichen Substitute für Wirtschaftswachstum: Nicht nur die Medien sprechen von „guter Wirtschaft“, von „stabiler(!) Konjunktur“ und „starken Volkswirtschaften“, wenn vor allem eines festzustellen ist: ein steigendes BIP. Selbst wachstumskritische Zeitgenoss*innen gehen in die Falle, wenn sie Deutschland zum ökonomischen „Gewinner“ der Einführung des Euros erklären. Kaum ein kritischer Geist oder eine Degrowth-Aktivistin verfällt auf die Idee, die Ökonomien Griechenlands und Italiens als die gelobten Länder einer wachstumslosen Gesellschaft zu betrachten.

 

Es greift also zu kurz, allein die Wirtschaftswissenschaften als Sündenbock einer zukunftsfeindlichen Wirtschaftspolitik auszumachen. Das Wachstumsdenken steckt tief in unser aller Köpfe. Und doch muss der Impuls zu ihrer Veränderung von Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftsdidaktik ausgehen:

„Das vielleicht größte Problem der schulischen VWL ist gleichzeitig ein fachwissenschaftliches und gesamtgesellschaftliches: In ausnahmslos allen Lehrbüchern bildet die ‚Konjunkturtheorie‘ das Kernstück der Wirtschaftspolitik. Kein anderes Thema wird auch in den Medien praktisch alltäglich ins Bewusstsein der geneigten Öffentlichkeit gehoben. Eine VWL, die jedoch die bestenfalls mittelfristige Konjunkturentwicklung im Fokus hat, steht entschieden im Widerspruch zur langfristig orientierten Nachhaltigkeit. Was kurzfristig konjunkturell Sinn machen mag, kann langfristig zum Scheitern unseres Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells bis hin zum kompletten Zusammenbruch unserer Lebenserhaltungssysteme führen. Hier bedarf es einer komplett anderen Fokussierung der akademischen und empirischen Volkswirtschaftslehre und einer schulischen Fachdidaktik, die längerfristigen Konzepten wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenkt: Forschungs-, Bildungs-, Entwicklungs- und Strukturpolitik gehören hier zu den Themen, die wesentlich ausführlicher beleuchtet werden müssten als wissenschaftstheoretisch und empirisch höchst zweifelhafte Konjunkturtheorien und -prognosen, deren mediale Rezeption von den existentiellen Fragen einer nachhaltigen Gesellschaft ablenkt. Dies ist gleichsam die Voraussetzung, dass der in keinem Lehrbuch auch nur ansatzweise befriedigend gelöste Zielkonflikt von Wachstumsorientierung und Nachhaltiger Entwicklung in den Hintergrund treten kann: In einer nachhaltigen Gesellschaft würde die ökonometrische Frage, ob das BIP-Wachstum soeben um einige Prozentpunkte im Dezimalbereich gestiegen oder gefallen ist, an Bedeutung verlieren. Eine solche, langfristige Perspektive versucht die Debatte um die Postwachstumsökonomik einzunehmen. In aktuellen Lehrbüchern sucht man einen Verweis auf diese wirtschaftswissenschaftliche Avantgarde aber vergeblich.“(2)

 

Doch noch ein weiteres Problem stellt sich der Vermittlung eines neuen Denkens. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Wirtschaftswachstum, gemessen am BIP, und das Beschäftigungsniveau – wenn auch nicht proportional – miteinander korreliert sind. Nicht ohne Grund tun sich die Gewerkschaften und Sozialverbände mit der Postwachstumsdiskussion schwer. Ein Blick auf die gesellschaftlichen Verwerfungen, die die griechische „BIP-Krise“ mit sich brachte, genügt um einzuräumen, dass das Ausbleiben von Wachstum im gegenwärtigen System politisch nur schwer vermittelbar ist.

 

Worauf es ankäme, darauf wiesen bereits 2010 die Publizistinnen Irmi Seidl und Angelika Zahrnt hin: Es reicht nicht, Wachstum pauschal als ökologisch zerstörerisch und verteilungstheoretisch fragwürdig zu brandmarken oder abstrakt den „Kapitalismus“ verantwortlich zu machen. Wir brauchen konkrete Reformen und Konzepte, die uns vom tatsächlichen und gefühlten „Wachstumszwang“ erlösen. „Es geht nicht um neue theoretische Ansätze zu Wirtschaftswachstum oder eine weitere Differenzierung der allgemeinen Kritik daran, sondern um die Abhängigkeit zentraler Gesellschaftsbereiche von Wachstum und Pfade, die die Entwicklung zu einer Postwachstumsgesellschaft ermöglichen.“(3) Zu diesem Zweck untersuchten sie Themenfelder wie Alterssicherung, Gesundheitswesen, den Arbeitsmarkt, Verteilungsgerechtigkeit oder auch Finanzmärkte und Bankenwesen (um nur einige zu nennen), die nach gängiger Auffassung ohne Zunahme des BIP nicht denkbar sind. Hier liegen entscheidende Fragen für Debatten und Forschungsaufgaben einer Wachstumskritik, die über den Status einer Sonntagspredigt, die für das Alltagsverhalten keinerlei Bedeutung hat, hinaus kommt.

Schließlich erschallt immer öfter der Ruf nach neuen gesellschaftlichen Narrativen. Denn in einer Hinsicht ist der herrschende ökonomische Diskurs fast unbezwingbar: Indem er die Deutungshoheit über die Definition von „Wachstum“ behält, erzählt er auch die dominierende gesellschaftliche Geschichte von Wohlergehen und Zukunftschancen. Wachstum ist ein anthropologisch so positiv besetzter Begriff, dass er von „Wachstumskritik“ oder „Wachstumsgrenzen“ kaum zu bezwingen ist. Ebenso wie zuletzt die „Globalisierungskritik“ versäumen diese Ideen, Optimismus zu verbreiten. Nur bedingt hilfreich sind auch die aktuellen Diskurse um „Postwachstumsökonomie“ und „Degrowth“, die sich zwar intellektuell vom ökonomischen Mainstream abheben, durch den Grad ihrer Abstraktheit einer Verbreitung in alle gesellschaftlichen Milieus aber selbst im Wege stehen. Einzig der vom ecuadorianischen Ökonomen Alberto Acosta lancierte Diskurs um „Buen Vivir – das Gute Leben“ wagt einen komplett neuen Ansatz, der sich vom Wachstumsdogma auch terminologisch lossagt – und genau aus diesem Grund auch kaum in den (wachstumsorientierten) tagespolitischen Debatten Eingang findet.

 

Eine Möglichkeit, Wachstumskritik neu und positiv zu besetzen und gleichzeitig die Anschlussfähigkeit an mediale Diskussionen herzustellen, wäre die Idee der „Wachstumsunabhängigkeit“ im Sinne der angesprochenen Seidl-Zahrntschen Publikation. Denn neben materiellem Wohlergehen stellt auch die Freiheit eine Grundkonstante des menschlichen Strebens dar. Und dass das vermeintlich unabänderliche (Unternehmens-)Wachstum im Alltag von Büroangestellten und Fabrikarbeiter*innen zu oftmals unzumutbaren Zwängen führen kann, ist mittlerweile gesellschaftliches Allgemeingut. „Wachstumsunabhängigkeit“ deutet hier auf eine Chance auf Befreiung und zeichnet gleichermaßen den Entwicklungspfad vor, der den Weg in eine nachhaltige Gesellschaft weisen kann.

 

 

 

(1) Robert Kennedy, zitiert nach: Bauman, Zygmunt: „Wir Lebenskünstler“. Berlin 2010. Seite 13f.

(2) Brehm, Patrick: „Didaktische Aspekte der Nachhaltigen Entwicklung in aktuellen VWL- Lehrbüchern in der schulischen Bildung“ (Hrsg: Lokalen Agenda 21 der Landeshauptstadt Düsseldorf). 2016. Seite 203f.

(3) Seidl, Irmi u. Zahrnt, Angelika: „Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft“. Marburg 2010. Seite 17.

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