Nachhaltige Entwicklung im volkswirtschaftlichen Unterricht
Nachhaltige Entwicklungim volkswirtschaftlichen Unterricht

Wachstumsrücknahme statt "Nowcast" – ein radikaler Vorschlag für eine nachhaltige Wirtschaftsbildung

Februar 2020

 

Ein neuer Konjunkturindikator soll Wachstumsprognosen beschleunigen. Ein Thema für den Wirtschaftsunterricht? Oder ist es an der Zeit, ökonomische Curricula zu entfrachten und grundsätzlich im Sinne der Nachhaltigkeit und Klimabildung neu auszurichten?

 

Das Jahr 2019 wird als Jahr der Hoffnung in die Geschichte eingehen, in dem Millionen von Jugendlichen und klimabewegten Menschen Regierungen durch ihren Protest zwangen, endlich konsequentere Maßnahmen des Klimaschutzes ins Auge zu fassen.

Dass die verabschiedeten „Klimapakete“ den Erfordernissen der anvisierten 1,5°- oder 2°-Ziele nicht genügen, mag man in Hoffnung auf weitergehende Entscheidungen in der nahen Zukunft vielleicht noch verschmerzen. Doch existieren weiterhin einflussreiche Kräfte, die an der Ausbeutung von Mensch und Natur verdienen und deren Versuche zur Beeinflussung der Politik unsere Gesellschaften in den möglichen Klimakollaps treiben. Neuester Erfolg: Das Statistische Bundesamt versucht das, was Konjunktur genannt wird, quartalsmäßig nun noch zeitnäher durch einen neuen Indikator zu bestimmen: den „BIP-t+10-Nowcast“. Anstatt - wie bisher - erst einen Monat nach Ende des Quartals eine erste Schätzung („BIP-t+30-Flash) abzugeben und schließlich nach sechs Wochen die endgültigen Daten zur Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes (BIP-t+45) vorzulegen, möchten die Wiesbadener nun durch den neuen Schnellschätzwert bereits innerhalb 10 Tagen prognostizieren.

 

Doch was ist so verkehrt an einem Indikator und seiner frühzeitigen Abschätzung? Wachstumskritikerinnen und -kritiker muss man da eigentlich nicht aufklären: Die Omnipräsenz des BIP und die mediale Obsession mit Konjunkturdaten behindert die Transformation der Gesellschaft in sozial-ökologischer Hinsicht. Wird der politische Erfolg an einem auf Umweltzerstörung basierenden Indikator gemessen, so werden Effizienz- und Suffizienzmaßnahmen immer zu Lasten der so definierten „Wirtschaft“ gehen. Auch der neuerdings geforderte „Green New Deal“ wird unter diesen Umständen nur dann einen gesellschaftlichen Konsens erzeugen, wenn auch er das BIP steigert. Und dass das BIP vom Ressourcenverbrauch entkoppelt und „nachhaltig“ werden kann, ist eine Mär. Auch in der Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft lässt sich kaum ein Rückgang in der Rohstoffhunger beobachten.[1] Da die schmutzigen und ressourcenintensiven Produktionsschritte heutzutage ohnehin in andere Länder ausgelagert werden, haben nationale Korrelationen von BIP und Ressourcenverbrauch auch keine schlüssige Aussagekraft mehr. Will man die Umweltzerstörung eines Landes bewerten, kommt an den Messgrößen wie dem Ökologischen Fußabdruck oder dem nationalen Erdüberlastungstag nicht vorbei, denn sie messen die im In- UND Ausland verursachten Umweltverbräuche durch unseren Konsumstil.

 

Wer hingegen immer noch an das „ätherisch immaterielle“ BIP-Wachstum glaubt, sollte sich die Konzeption des neuen Schätzverfahrens ansehen.[2] Da unmittelbar nach Ende eines Quartals nur sehr wenige fundierte Daten über die vergangenen drei Monate vorliegen, soll für den NOWCAST Big Data die geeigneten Werte erbringen: So werden die von Satelliten erkannten Parkplatzbelegungen vor Einkaufszentren und der entsprechende Container-Umschlag in Häfen ebenso als Maßstab der Konjunktur gewertet wie der gesamtgesellschaftliche Energieverbrauch. Da zudem Werte wie die gefahrenen LKW-Maut-Kilometer oder PKW-Zulassungen ebenfalls in die Schätzung eingehen, kann mit Fug und Recht davon ausgegangen werden, dass Wirtschaftswachstum, so gemessen, eindeutig mit zusätzlichem Ressourcenverbrauch einhergeht. Mit anderen Worten: Fahren Sie ja nicht mit dem Fahrrad zum Einkaufen, denn das würde von den Satelliten nicht als konjunkturwirksamer Kauf aufgefasst – und Energiesparmaßnahmen sind im großen Stil „konjunkturschädigend“…

 

Ansonsten gehen in das NOWCAST-, wie schon im FLASH-Schätzverfahren, die Werte aus Stimmungsbarometern wie dem IFO-Geschäftsklimaindex oder der ZEW-Konjunkturumfrage ein. Volker Pispers, politischer Kabarettist im Ruhestand, kalauerte vor Jahren, dass für solche Konjunkturumfragen die „Kaffeesatzleser“ in den Statistikinstituten die „Kristallkugelbesitzer“ in den Unternehmensetagen befragen würden.

 

Nichtsdestotrotz zeigen statistische Verfahren, dass die quartalsmäßigen Konjunkturschnellschätzungen (im Unterschied zu den mittelfristigen Konjunkturprognosen, die Pispers auf's Korn nimmt) tatsächlich recht gut das einige Wochen später veröffentlichte amtliche Wirtschaftswachstum vorwegnehmen. Das Problem liegt also weniger in der statistischen Reliabilität, sondern womöglich in der selbsterfüllenden Prophezeiung von bereits veröffentlichten Konjunkturprognosen, die durch mediale Diskussion die Geschäftserwartungen von Unternehmen in der einen oder anderen Richtung sehr wohl beeinflussen können.

 

Wem nutzen die weitschweifigen Konjunkturdebatten eigentlich? Der Wirtschaftsjournalist Stephan Kaufmann mutmaßt, dass das Interesse an der „Beschleunigung der Schnellschätzung“ aus den Reihen von Spekulanten an den Finanzmärkten herrührt: Sie können aus den Konjunkturdaten neue Wetten kreieren, an denen sich in jeder Richtung verdienen lässt.[3] Die Politik oder die Realwirtschaft hingegen würden sicher auch ohne statistische Schnellschüsse auskommen.

 

Ohnehin stellt sich die Frage, inwieweit allgemeine Konjunkturdaten überhaupt die Geschäftsaussichten auf hochgradig spezialisierten Teilmärkten widerspiegeln. Werden Urlauber ihre lang geplanten Reisen stornieren, nur weil das Wirtschaftswachstum in den letzten drei Monaten enttäuschte? Werden langfristig sinnvolle Investitionen in erneuerbare Energien überflüssig, wenn das Weihnachtsgeschäft in Folge verregneter Adventswochenenden hinter den Erwartungen zurückblieb? Solange wir es nicht mit einer Wirtschafts- und Finanzkrise größeren Ausmaßes zu tun haben, sind die Auswirkungen von gesamtwirtschaftlichen Wachstumsveränderungen im Dezimalstellenbereich für die eigene Branche eher marginal und rechtfertigen keine allgemeine Panik, die durch permanente Beleuchtung von Wirtschaftskennziffern in der Wirtschaftspresse ausgelöst wird (die dazu noch von mangelnden Mathematikkenntnissen über Wachstumsreihen geprägt ist).

Artists for Future, Farmers for Future, Doctors for Future. Zahlreiche Berufsgruppen vernetzen sich zurzeit, um auf eine nachhaltige Zukunft hinzuarbeiten. Vielleicht ist eine Bewegung der „Statistikämter for Future“ nicht zu erwarten, ist die Wiesbadener Bundesbehörde doch dem Bundesministerium des Innern untergeordnet und sicher nicht frei in der Konzipierung ihrer Forschungsprojekte. Doch wie sieht es mit Pädagoginnen und Pädagogen, den Teachers for Future, aus, speziell wenn sie sich in der Wirtschaftsbildung für eine nachhaltige Wirtschaft einsetzen wollen? Sollten sie nicht „auf der Höhe der Zeit“ das Neueste zum neuesten Index der Konjunktureinschätzung unterrichten? Oder wäre es eher angeraten, sich der unüberlegten Beschleunigung der Welt zu widersetzen? Aus Nachhaltigkeitssicht dürfte hier kein Zweifel bestehen. Im Übrigen besteht auch das in der aktuellen Debatte um mehr Klimabildung gerne übersehene Problem, dass die zusätzlichen, zukunftsorientierten Themen zeitlich auch auf Kosten der herkömmlichen Unterrichtsthemen gehen müssen.

 

Welche wären das im Falle der Wirtschaftsbildung? Die Wachstums- und Konjunkturthematik stünde hier aus meiner Sicht ganz oben auf der Streichliste oder wäre wenigstens Kandidat zur deutlichen Kürzung. Diese Art der „Wachstumsrücknahme“ wäre einigermaßen revolutionär, denn die kurzfristigen und flüchtigen Ausschläge des BIP sind seit Jahrzehnten integraler und ausführlicher Bestandteil jedes ökonomischen Curriculums und Grundlage der überlieferten wirtschaftspolitischen Konzepte zur Wachstumsförderung. Und doch wäre es ein Signal an die Gesellschaft, wenn sich ausgerechnet die ökonomische Bildung weg von der kurzfristigen Ausschlachtung von Profitmöglichkeiten hin zu einer langfristigen, strukturorientierten und nachhaltigen Betrachtung von Wirtschaft bewegen würde. Sollten ausgerechnet Wirtschaftspädagoginnen und –pädagogen hier den Anfang machen? Konjunkturelle Themen sind auch in Kammerprüfungen und so manchem Einstellungstest gang und gäbe – können wir unseren Lernenden hier die (fragwürdigen und zukunftsfeindlichen) Theorien vorenthalten? 

 

Nur wenige werden dies uneingeschränkt bejahen. Was wir in jedem Fall brauchen, ist eine Debatte mit Fachdidaktikern und Fachwissenschaftlerinnen, die so kaum stattfindet. Die Hinterfragung überkommener ökonomischer Theorien tut aber not. Und angesichts der Bedrohungen, die der Menschheit nach Aussage der Naturwissenschaft bevorstehen, dürfen wir hier vor „Heiligen Kühen“ keinen Halt machen.  

 

 

 

 

[1] Santarius, Tilman. Entkopplung. http://www.santarius.de/1445/entkopplung/

[2] Dickopf, Xaver et al.: „Vom BIP-FLASH zum BIP-NOWCAST: Erste Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie zur weiteren Beschleunigung der BIP-Schnellschätzung.“ In: Statistisches Bundesamt WISTA 6/2019. S. 47-59. https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2019/06/machbarkeitsstudie-bib-schnellschaetzung-062019.pdf?__blob=publicationFile

[3] Kaufmann, Stephan: „Futter für die Spekulanten“. In: Frankfurter Rundschau vom 12.2.2020, S. 16. https://www.fr.de/wirtschaft/futter-spekulanten-13533973.html

 

 

 

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