Nachhaltige Entwicklung im volkswirtschaftlichen Unterricht
Nachhaltige Entwicklungim volkswirtschaftlichen Unterricht

Zukunftsfähiger Unterricht                                 oder Business as Usual?

Zum Durchsetzen des Prinzips Nachhaltigkeit kommt den Schulen eine entscheidende Rolle zu. Doch die Lehrpläne sind dafür nicht ausgerichtet. Im Fach Wirtschaft dominieren die klassischen Denkschulen und Lehrmeinungen. Alternative Sichtweisen werden nicht richtig ernst genommen und kommen nur am Rande vor. So können die Schüler aber kein Gespür entwickeln für das, was zukunftsfähig ist und was nicht.

 

Erste Unterrichtsstunde zu ökonomischen Grundfragen in der Fachoberschule Wirtschaft: „Warum muss der Mensch wirtschaften?“ Die 16 Jahre alten, angehenden Fachabiturienten sind sich sicher: „Der Mensch muss wirtschaften, um die Wirtschaft anzukurbeln.“ Lektion verstanden.

 

Kein Einzelfall. Wer heute als junger Mensch bei Wirtschaftsmeldungen nicht blitzschnell wegzappt, ist dem medialen Trommelfeuer ausgesetzt: Die Wirtschaft liegt am Boden, die Schuldenuhr tickt, die Löhne sind zu hoch. Kurz: Wir brauchen wieder vor allem eines: mehr Wachstum!

 

Bevor nun der Ruf nach mehr ökonomischer Grundbildung erschallt, fragen wir bitte auch: Welche ökonomische Grundbildung? Der Witz ist, dass sich alle schlagzeilenträchtigen Binsenweisheiten neoliberaler Fachexpertise erfreuen. Und ehe wir uns versehen, hat der schulische Wirtschaftsunterricht eine „wissenschaftliche“ Basis gelegt, so dass die jungen Wirtschaftsweisen dank Kreislauf- und Marktmodellen von naturgesetzlichen Abläufen in der Ökonomie überzeugt sind.

 

Nachhaltigkeit spielt in der Praxis nur eine Nebenrolle

 

Fast 40 Jahre nach den „Grenzen des Wachstums“, 25 Jahre nach Vorstellung des Nachhaltigkeitsbegriffs im UN-Brundtland-Bericht „Our Common Future“ und 5 Jahre nach Beginn der UN-Weltdekade für Nachhaltige Bildung fehlt von einem neuen Paradigma im Wirtschaftsunterricht jede Spur. Die Inhalte sind die alten, die Fachdiskussionen finden weiterhin in akademischen Nischen statt.

 

Gemäß der 2006 veröffentlichten Studie „Trends im Umweltbewusstsein“ von Udo Kuckartz und Anke Rheingans-Heintze geben nur 22% der Deutschen an, schon einmal etwas von Nachhaltiger Entwicklung gehört zu haben – Tendenz fallend, denn 2002 waren es noch 28%. Doch wie sollen Forderungen nach Nachhaltigkeit Verständnis oder gar öffentliche Unterstützung finden, wenn die Zusammenhänge nur einer elitären Minderheit bekannt sind und dem ökonomischen Mainstream scheinbar diametral widersprechen?

 

Die Umweltbewegung hat viel bewirkt: Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau, Umweltminister schwimmen im Rhein, Windkraft- und Biobranche boomen, die Ökoeffizienzrevolution ist Lieblingskind der Wissenschaftsseiten in Tageszeitungen und die Grünen sitzen fester denn je auf ihren Parlamentssitzen. Aktion grüne Zukunft?

 

Bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass wir von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit noch weit entfernt sind. Einkommens- und Vermögensscheren gehen weiter auseinander. Effizienzfortschritte werden von der Marktdurchdringung oder zusätzlichen Funktionalitäten aufgefressen: Der VW-Käfer (30 PS) im Jahr 1955 verbrauchte 7,5 l auf 100 km, der New Beetle (75 PS) im Jahr 2005 immer noch 7,1 l. Die erhoffte Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch blieb bisher ein frommer Wunsch.

 

Lehrpläne verwirren die Schüler statt sie aufzuklären

 

Ein vernachlässigter Hintergrund des schneckenhaften Fortkommens der nachhaltigen Gesellschaft liegt sicher in der schulischen Lehre. Während wissenschaftliche Erkenntnisse von Umweltverbänden in eine alternative Politikberatung und PR-Arbeit umgesetzt wurden, blieben Versuche, schulische Curricula zu modernisieren, im Ansatz stecken. Symptomatisch die Struktur der meisten Lehrpläne und der darauf abzielenden Lehrbücher: Ökologische und soziale Fragen werden meist in getrennten Kapiteln auf den hinteren Seiten der Bücher abgehandelt.

 

Oft wird Nachhaltigkeit mit Umweltschutz verwechselt und auf den Ausbau erneuerbarer Energien verkürzt. Und wo das Konzept doch thematisiert wird, wird es in der folgenden Stunde durch die unkritische Vermittlung reduktionistischer Modelle konterkariert. Die jungen Menschen werden verwirrt: Wie soll eine zukunftsfähige „stationäre Wirtschaft“ erreicht werden, wenn Marktsysteme doch einem Wachstumszwang unterworfen sind? Wenn größere Arbeitsproduktivität ohne gleichzeitiges Wirtschaftswachstum zwangsläufig zu Arbeitsplatzabbau führt? Die Jahrzehnte alte Grundstruktur der Lehrpläne betrachtet Ökologie als Add-on zum herkömmlichen Wirtschaftsunterricht. Eine konsistente Integration des Themas gelingt praktisch nie.

 

Einschlägige Lehrbücher offenbaren große Lücken: Während die aus den 1970er-Jahren überlieferte Kritik am Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Wohlstandsindikator fast nie fehlt, sucht man aktuelle umweltpolitische Instrumente zumeist vergebens. Wenn überhaupt werden etwa die von Umweltökonomen favorisierten Emissionszertifikate betrachtet. Ökologische Steuern hingegen werden bestenfalls in wenigen Zeilen erwähnt, eine eingehendere Behandlung ihres Wirkungspotentials findet nie statt.

 

In einem zukunftsweisenden Lehrbuch würde man den Entwurf der öko-sozialen Marktwirtschaft erwarten. Stattdessen schleppen die Themen lange graue Bärte mit, die bestenfalls wirtschaftshistorische Relevanz haben: der Systemgegensatz zwischen Zentralverwaltungs- und Marktwirtschaft, das Wechselkurssystem von Bretton Woods, das in der politischen Praxis längst obsolete Stabilitätsgesetz von 1967.

 

Doch wir leben im Jahr 2010. Im April überschlugen sich die Medien mit Kritik an deregulierten Finanzmärkten. Die griechische Schuldenkrise hält ganz Euroland in Atem. Ganz Euroland? Nein, an deutschen Schulen werden wie eh und je die Probleme staatlicher Eingriffe in den pareto-optimalen Markt am Beispiel von Höchst- und Mindestpreisen vorexerziert.

 

Der Glaube an die Überlegenheit von Marktlösungen durchzieht die Wirtschaftslehre wie ein roter Faden. Ein „heimlicher Lehrplan“. Selbst wenn in einer Stunde einmal Kritik am Homo Oeconomicus geübt wurde, in den restlichen Stunden wird implizit unterstellt, die Welt sei eine Scheibe. Keine Darstellung der Konjunkturphasen ohne prinzipiellen Aufwärtstrend, keine differenzierte Betrachtung realer Märkte, z.B. des Arbeitsmarktes. Und so liefert der unkritische Volkswirtschaftslehre-Unterricht dem Neoliberalismus die fragwürdige Theorie der Mindestlohn-Arbeitslosigkeit.

 

Alternative Sichtweisen erhalten eine Außenseiterrolle

 

Oft argumentieren die Lehrbuchautoren offen gegen alternative Sichtweisen. In einem der Klassiker unter den Volkswirtschaftslehre-Lehrbüchern von Horst Seidel und Rudolf Temmen relativieren die Autoren die gerade vorgestellten Grenzen des Wachstums so: „Bei der berechtigten, aber auch zuweilen überzogenen Kritik am Wachstumsziel ist darauf hinzuweisen, dass ein angemessenes Wirtschaftswachstum notwendig ist, um den materiellen Wohlstand und die Vollbeschäftigung zu bewahren sowie die Not der Entwicklungsländer zu mindern.“ Q.e.d.

 

Bernd Weitz et al. bieten in ihrem Lehrbuch nur drei kurze Absätze zur Nachhaltigen Entwicklung. Bezeichnend für die Oberflächlichkeit sind die beiden letzten Sätze, die wie einer politischen Sonntagsrede entnommen wirken: „Wenn die Menschen die von ihnen verursachten Umweltschäden erkennen, ist es für eine schnelle Lösung meist zu spät. Deshalb ist es wichtig, langfristig zu denken und bereits vor Beginn der Produktion über mögliche Schadensquellen für die Umwelt nachzudenken.“ Aha. Ansonsten werden Lernende und Lehrende mit der Umweltproblematik alleine gelassen.

 

Andere Autoren werfen gar Lehrbücher mit klarer politischer Schlagseite auf den Markt. Gernot Hartmann spricht von „mehrfachen Abkassieren der Sozialhilfe“, „Überdehnung des sozialen Netzes“, eine steuerliche Überlastung der arbeitenden Bevölkerung führe zu „Arbeitsunlust, Pessimismus, Unterbeschäftigung, Radikalismus“, umweltpolitische Ge- und Verbote hätten mehr „Kommandowirtschaft“ zur Folge.

 

Eberhard Boller und Dietmar Schuster kommentieren die politische Gestaltung des Sozialsystems dahin gehend, dass „sich die Regierung als ‚Anbieter von Sozialleistungen’ einem ständigen Leistungsdruck ausgesetzt fühlt, sich durch die ‚Konkurrenzangebote’ der Opposition nicht überbieten zu lassen. Von diesem ‚Bazillus der Gefälligkeitsdemokratie’, der zu wohlfahrtsstaatlichem Denken führt, haben sich Vertreter der sozialen Marktwirtschaft über Parteigrenzen hinweg anstecken lassen.“ Politikverdrossenheit als schulisches Lernziel?

 

Selbst wenn ein Lehrbuch der einen oder anderen wirtschaftspolitischen Denkschule angehört, gehen die Autor nicht offen damit um, sondern hüllen sich lieber ins Deckmäntelchen objektiver Wissenschaftlichkeit. Allein im einzigen Lehrbuch, das in Sachen Nachhaltigkeit mit Einschränkung empfohlen werden kann, „Lernt gemeinsam handeln!“ von Heidrun Peters, bekennt sich die Autorin offen zur Orientierung an ökologischen Erfordernissen. Doch auch hier werden zu wenig Kontroversen angeboten. Um die Vielfalt an wirtschaftspolitischen Meinungen zu zeigen, müssten Autoren verstärkt Positionen unterschiedlicher Interessensvertreter problematisieren.

 

Marktliberale Organisationen beeinflussen Lehrmaterial

 

Die Regel bleibt jedoch die marktliberale Sichtweise. Unkritisch bauen diejenigen Autoren, die neben ökonomischer Theorie auch aktuelle Trends im Blick haben, Statistiken, Grafiken und Infotexte in ihr Lehrwerk ein, die dem neoliberalen Mainstream entnommen sind. Hinzu kommen Unmengen an Unterrichtsmaterial, das den Lehrenden über die Lehrbücher hinaus an die Hand gegeben wird. Neben dem obligatorischen „Handelsblatt“ handelt es sich um mehr oder weniger didaktisiertes Material des Bankenverbandes, des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (iw) oder der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Diese überschwemmen die Schulen geradezu mit Auslagematerial oder bieten Internet-Downloads aus marktliberaler Feder.

 

Man kann nur hoffen, dass sich die neoklassisch ausgebildeten Lehrkräfte der Einseitigkeit der Unterrichtsmittel bewusst sind. Mitunter wird der Hintergrund der Informationen auch verschleiert. Der „Spiegel“ berichtete im Mai von einem scheinbar gemeinnützigen Verein, der fertige Arbeitsblätter zu gesellschaftlichen Debatten wie Atomkraft anbietet. Bei genauerer Prüfung stellt sich jedoch heraus, dass sich hinter dem Verein ein Verlag verbirgt, bei dem die FDP Mehrheitseigner ist.

 

Immer öfter haben Marktliberale die Schule als politisches Aktionsfeld im Visier. Gemäß einer Studie der Universität Jena im Auftrag der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung sind die meisten Geographie- und Soziakunde-Lehrbücher zu marktkritisch eingestellt. Gefordert wird „objektivere“, marktfreundlichere Stoffdarstellung. Die Umweltverbände scheinen die Rolle der Schulen als „Meinungsmacher“ indes noch nicht erkannt zu haben.

 

Seitens der Wissenschaft sind durchaus hochwertige Materialien zur Nachhaltigkeit entwickelt worden. Doch sind deren Einsatz im traditionellen Schulunterricht Grenzen gesetzt: Ihre geringe Auflage erreicht kaum die Schulen in ihrer Breite. Für Schülergruppen unterhalb Abiturniveaus müssen sie oft noch weiter vereinfacht werden. Und der Umfang des Materials bereitet einer Einbindung in die knapp bemessenen Wirtschaftslehrestunden Probleme – zumal ohne eine Neukonzipierung der Lehrpläne die herkömmlichen Themen ja beachtet werden sollten.

 

Fazit

 

Schulische Lehrpläne im Fach Wirtschaft lassen kaum Platz für das Thema Nachhaltigkeit. Oft obliegt es dem Interesse des einzelnen Lehrers, in welchem Ausmaß es behandelt wird. Da alte Lerninhalte auch nicht ersetzt wurden, stehen klassische Themen oft neben der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte, die dann wie künstlich aufgepfropft erscheint. Widersprüche sind vorprogrammiert.

 

Wenn die Nachhaltige Entwicklung jedoch – wie in politischen Sonntagsreden gerne betont – tatsächlich ein neues gesellschaftliches Paradigma werden soll, dann muss man es auch im Unterricht als durchgängiges Konzept einführen. Es herrscht enormer Nachholbedarf, wenn Schulen einer zukunftsfähigen Gesellschaft den Boden bereiten und nicht nur Business as Usual unterrichten wollen.

Zukunftsfähiger Unterricht oder Business As Usual?

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Artikel aus ÖkologiePolitik 148 (2010)

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