Nachhaltige Entwicklung im volkswirtschaftlichen Unterricht
Nachhaltige Entwicklungim volkswirtschaftlichen Unterricht

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für das Recht aller Schwachen! (Spr 31,8)

Christliche Caritas auf den Punkt gebracht! Welcher Bibelvers wäre besser als Kalenderspruch geeignet? Tatsächlich haben Kirchen seit Jahrhunderten diesen Auftrag beherzigt und widmeten sich den von der Gesellschaft vernachlässigten Menschen: Witwen und Waisen, Obdachlose und Kranke. Sie gründeten Sonntagsschulen für Arme und selbst die deutsche Arbeitslosenversicherung hat ihren Vorläufer im „Elberfelder System“ Wuppertaler Gemeinden. Nein, es gibt kein Vertun, auch Jesus kümmerte sich um Aussätzige und Blinde.

 

So gesehen müssen wir uns doch keine weiteren Gedanken um „Das Beste aus Bibels Digest“ machen. Oder etwa doch? 

 

Zunächst einmal ist uns die Radikalität des Verses oft nicht bewusst. Weder für Könige noch Superstars sollen wir uns begeistern, sondern für gestrauchelte Menschen und Aufgaben, die uns wenig Ruhm und Ehre bringen. Auch wenn die Öffentlichkeit Ehrenamtspreise schafft oder anlässlich gesellschaftlicher Hypes etwas „Applaus vom Balkon“ spendet, fette Schlagzeilen und weltliche Reichtümer sind mit solchem Einsatz nicht zu erlangen.

 

Doch betrachten wir den Vers genauer: Wer sind eigentlich jene Stummen und Schwachen? Als „Stumme“ betrachte ich aus Sicht der Nachhaltigkeit die Noch-Nicht-Geborenen, deren Zukunftschancen unser heutiger Lebensstil in Frage stellt. Die „Schwachen“? Ist klar, das sind die Hungernden und Verfolgten …

 

Bei genauerem Lesen steht dort aber „alle Schwachen“. Schauen wir mit offenen Blick in die Welt, droht uns der vermeintlich so eindeutige Vers zu überfordern. Und für welche Rechte sollen wir uns einsetzen? Für eine Schale Reis oder für „Jahresurlaub Malle für alle“? Und reicht es den Mund zum Gebet zu öffnen oder müssen wir auf die Straße, um den Mächtigen dort unsere Forderungen zu präsentieren?

 

Darüber hinaus warnen Sozialpsychologen vor einer Zementierung des Opferstatus von Menschen, wenn ihre Bedürftigkeit vor allem der Befriedigung unseres Helfersyndroms dient und somit aufrechterhalten werden muss. Wer hilft dann eigentlich wem? Schließlich und endlich: Wer sagt eigentlich, dass wir als Christen die „Starken“ sind, die das Leid der Welt schultern können und müssen? Ja, ich bin ein Geretteter, aber wie oft fühle ich mich dennoch schwach und würde jemanden brauchen, der die Stimme für mich erhebt?

 

Ohne Jesu Hilfe ist der scheinbar so eindeutige Vers als Leitfaden kaum zu gebrauchen. Wieder einmal zeigt sich, dass die Bibel vieles ist, nur eines nicht: eine Sammlung von Kalendersprüchen.

 

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