Nachhaltige Entwicklung im volkswirtschaftlichen Unterricht
Nachhaltige Entwicklungim volkswirtschaftlichen Unterricht

Debunking Economics - eine Fundamentalkritik der Neoklassik

Erst das Volk spricht die Wahrheit über den nackten Kaiser in Hans-Christian Andersens Märchen “Des Kaisers neue Kleider” - nachdem zuvor kein Bediensteter, kein Minister und auch der Kaiser selbst nicht den Gedanken zu denken wagten, der auf der Hand lag: Die Weber hatten gar keine Kleider gefertigt und den Kaiser und seinen Hof hereingelegt. Aber weil man der scheinbaren Expertise der anderen mehr Glauben schenkte als seiner eigenen Wahrnehmung und aus Angst aus dem Kreise der “Sehenden” verstoßen zu werden, konnte sich die Lüge verbreiten und es kam zu jener peinlichen Zurschaustellung des Kaisers.

 

Eine ähnliche Psychologie vermutet der heterodoxe australische Ökonom Steve Keen hinter der bis heute andauernden Vorherrschaft neoklassischer Modelle in der ökonomischen Theorie. Denn im Grunde hält kaum ein Modell – so plausibel sie bei sehr spezifischen Annahmen auch klingen mögen – dem Praxistest stand. Die Beweise sind vielfach schon seit langer Zeit bekannt – doch kaum ein “hoher Priester” der ökonomischen Kaste wagt es öffentlich die Irrelevanz der eigenen Überzeugung einzugestehen.

Kein Wunder, dass mikroökonomische Analyse in der Unternehmensführung so gut wie keine Rolle spielt. Kein Wunder, dass junge Lernende sich verwundert die Augen reiben bei so viel Abstraktheit des Gedankens. Und kein Wunder, dass sie einem einfach nicht glauben mögen, dass sie – sollten sie für das tägliche Frühstück ein Glas Schokoaufstrich pro Monat zu verputzen gewohnt sein – bei einer Verzehnfachung ihres Einkommens auch zehnmal so viele Gläser Schokoaufstrich kaufen werden. Denn das behauptet die neoklassische Konsumtheorie. “Aber das ist doch Unsinn!” fällt Schülern auf dem Weg zum Fachabitur sofort auf. Darauf der Lehrer: “Das ist doch nur ein Modell... Nehmen wir einfach mal an, es wäre so.” Willkommen in der Volkswirtschaftslehre.

 

Im Folgenden werde ich einige Thesen von Steve Keen in Kurzform vorstellen und einige “faule Äpfel” unter den üblichen Modellen beim Namen nennen. Eine genaue Herleitung übersteigt den Rahmen dieser Webseite. Empfehlenswert dazu ist die Lektüre von Steve Keens amüsant bis sarkastisch geschriebener Theoriekritik “Debunking Economics – The Naked Emperor of the Social Sciences”(1). Damit ist ausgeschlossen, dass wir uns von führenden Ökonomen sagen lassen müssen: “Das ist volkswirtschaftliche Theorie, das ist zu komplex, als dass Sie das jetzt verstehen können – das müssen Sie mir einfach glauben.” (Der Präsident des Münchner IFO-Institutes Hans-Werner Sinn zu einem fragenden Journalisten auf einer IFO-Tagung zur Reform des deutschen Steuersystems im November 2004, übertragen auf Phoenix.) Bisweilen könnte man den Eindruck gewinnen, so mancher Ökonom hat seine eigene Wissenschaft nicht verstanden...

Wohlstandsmaximierende Gesamtnachfrage?

 

Adam Smith führte die Metapher von der “Unsichtbaren Hand” ein, die alles zu jedermanns Besten richtet, wenn sich jeder nur um sein egoistisches Eigeninteresse kümmert. Bis heute eines der wichtigsten Argumente, wenn es um die Liberalisierung von Märkten geht. Doch bis heute hat die Wissenschaft keinen allgemeingültigen Beweis erbringen können, dass der Markt tatsächlich zu pareto-optimalen Ergebnissen führt. Die Voraussetzungen, dass die Gesamtnachfrage einer Volkswirtschaft zusammengesetzt aus den Individualnachfragen im Marktgleichgewicht zum gesellschaftlich optimalen Gesamtnutzen führt, sind extrem unrealistisch. Es wäre zwingend notwendig, dass alle Nachfrager identische Bedarfe an Gütern haben UND auch bei jeder Einkommensveränderung (die automatisch erfolgt, wenn Preise variiert werden) ein identisches Güterbündel konsumieren. Steve Keen führt als Beispiel Bill Gates an: Wenn dieser als junger Computerfreak 10% seines Einkommens für Fertigpizza ausgegeben hat, tut er dies noch heute, nachdem sich sein Einkommen millionenfach erhöht hat? Und wenn er sich vor einigen Jahren einen Leonardo da Vinci gekauft hat, so müsste jeder Konsument doch wenigstens ein kleines Bruchstück eines da Vinci in seinem Tresor lagern haben. Nur unter solchen Bedingungen kann von einer monoton fallenden Gesamtnachfrage ausgegangen werden.

Unter realistischen Annahmen einer sich verändernden Güterpräferenz bei Preisänderungen und damit verbundenen Einkommensverschiebungen lassen sich die zu Grunde liegenden Indifferenzkurven nicht mehr zu einer gesamtgesellschaftlichen Indifferenzkurve aufaddieren. Die Engelskurve, aus der dann die Gesamtnachfrage nach einem Gut hervorgeht, weist dann solche Sprünge auf, dass auch die resultierende Nachfragekurve das obige Aussehen bekommen kann. Damit sind sogar – eine stetig ansteigende Angebotskurve vorausgesetzt – mehrere Schnittpunkte und “Marktgleichgewichte” denkbar. Somit geschieht nicht alles im Marktgleichgewicht – ganz zu schweigen von dem Anspruch, dass nur unter Marktbedingungen das gesellschaftliche Optimum zu finden sein muss.

 

Steigendes Gesamtangebot?

 

Die kontinuierlich steigende Gesamtangebotskurve ist ein Standardmodell in der Neoklassik. Je höher der Preis, desto höher die angebotene Menge. Von Seiten der Lernenden kommt an dieser Stelle des Öfteren der Einwand, erfahrungsgemäß fiele der Preis doch mit einem größeren Angebot, da bei der Produktion die Economies of Scales griffen. Und auch wenn hier “des Kaisers Volk” nach konventioneller Theorie Ursache und Wirkung verwechselt, so spürt es wieder einmal, dass da mit der Realitätstauglichkeit der Theorie etwas nicht stimmen kann.

Steve Keen weist nach, dass zum Vorliegen einer stetig wachsenden Angebotskurve extrem unrealistische Annahmen gemacht werden müssen (z.B. alle Unternehmen produzieren an der Kapazitätsgrenze) – doch dabei werden andere Annahmen des Modells (Unabhängigkeit von Angebot und Nachfrage) verletzt. Wird die Unabhängigkeit beachtet, müssen die Unternehmen unterhalb der Kapazitätsgrenze produzieren (was in der Realität auch eher die Regel ist); dann ist jedoch die Annahme limitierter Produktionsfaktoren nicht gegeben. - Die neoklassische Optimierungsbedingung von Grenzkosten = Grenzertrag (Marktpreis) erfordert fallende Grenzprodukte – eine Situation, die für die überwiegende Zahl der Unternehmen schlicht nicht zutrifft. Und so wundert man sich auch nicht, dass bei Umfragen unter Managern die Produktionsmenge praktisch niemals nach neoklassischen Modellen gewählt wird (sondern der klassischen Theorie entsprechend gemäß Durchschnittl. Stückkosten = Marktpreis) – die vorherrschende volkswirtschaftliche Produktionstheorie findet offensichtlich lediglich in Akademikerpublikationen statt.

 

Eine realistische Angebotskurve verläuft nach den Argumenten des italienischen Ökonomen Piero Sraffa entweder stetig waagerecht oder bestenfalls leicht fallend.

Unter realistischen Annahmen einer sich verändernden Güterpräferenz bei Preisänderungen und damit verbundenen Einkommensverschiebungen lassen sich die zu Grunde liegenden Indifferenzkurven nicht mehr zu einer gesamtgesellschaftlichen Indifferenzkurve aufaddieren. Die Engelskurve, aus der dann die Gesamtnachfrage nach einem Gut hervorgeht, weist dann solche Sprünge auf, dass auch die resultierende Nachfragekurve das obige Aussehen bekommen kann. Damit sind sogar – eine stetig ansteigende Angebotskurve vorausgesetzt – mehrere Schnittpunkte und “Marktgleichgewichte” denkbar. Somit geschieht nicht alles im Marktgleichgewicht – ganz zu schweigen von dem Anspruch, dass nur unter Marktbedingungen das gesellschaftliche Optimum zu finden sein muss.

 

Steigendes Gesamtangebot?

 

Die kontinuierlich steigende Gesamtangebotskurve ist ein Standardmodell in der Neoklassik. Je höher der Preis, desto höher die angebotene Menge. Von Seiten der Lernenden kommt an dieser Stelle des Öfteren der Einwand, erfahrungsgemäß fiele der Preis doch mit einem größeren Angebot, da bei der Produktion die Economies of Scales griffen. Und auch wenn hier “des Kaisers Volk” nach konventioneller Theorie Ursache und Wirkung verwechselt, so spürt es wieder einmal, dass da mit der Realitätstauglichkeit der Theorie etwas nicht stimmen kann.

Steve Keen weist nach, dass zum Vorliegen einer stetig wachsenden Angebotskurve extrem unrealistische Annahmen gemacht werden müssen (z.B. alle Unternehmen produzieren an der Kapazitätsgrenze) – doch dabei werden andere Annahmen des Modells (Unabhängigkeit von Angebot und Nachfrage) verletzt. Wird die Unabhängigkeit beachtet, müssen die Unternehmen unterhalb der Kapazitätsgrenze produzieren (was in der Realität auch eher die Regel ist); dann ist jedoch die Annahme limitierter Produktionsfaktoren nicht gegeben. - Die neoklassische Optimierungsbedingung von Grenzkosten = Grenzertrag (Marktpreis) erfordert fallende Grenzprodukte – eine Situation, die für die überwiegende Zahl der Unternehmen schlicht nicht zutrifft. Und so wundert man sich auch nicht, dass bei Umfragen unter Managern die Produktionsmenge praktisch niemals nach neoklassischen Modellen gewählt wird (sondern der klassischen Theorie entsprechend gemäß Durchschnittl. Stückkosten = Marktpreis) – die vorherrschende volkswirtschaftliche Produktionstheorie findet offensichtlich lediglich in Akademikerpublikationen statt.

 

Eine realistische Angebotskurve verläuft nach den Argumenten des italienischen Ökonomen Piero Sraffa entweder stetig waagerecht oder bestenfalls leicht fallend.

 

Monopole = böse, Konkurrenz = gut?

 

“Konkurrenz belebt das Geschäft” - wie so oft haftet einer Volksweisheit wie dieser etwas Unbestreitbares an. Und wenn die ökonomische Theorie dann noch scheinbar hieb- und stichfeste Beweise liefert, ist der Fall gegen das Monopol klar: und folglich wurde nicht zuletzt mit dem Argument vom wohlfahrtsreduzierenden Monopol die Privatisierungswelle von ehemaligen Staatsunternehmen forciert.

Die Neoklassik postuliert rationales Verhalten der Anbieter. Diese seien bei vollständiger Konkurrenz Preisnehmer und legten ihre angebotene Menge bei Grenzkosten = Marktpreis fest, wobei der Marktpreis durch ihre Marktaktivitäten eben nicht beeinflussbar sei. Durch Aggregation der individuellen Angebote ermittelt die Neoklassik dann das Gesamtangebot, welches am Markt auf die Nachfrage trifft und in einem Marktgleichgewicht resultiert. Da dies in der Theorie mit einer höheren Güterversorgung und einem geringeren Marktpreis im Vergleich zur Monopolsituation einherginge, sollte dies wiederum wohlfahrtsmaximierend für die gesamte Gesellschaft sein.

Steve Keen widerlegt die neoklassische Argumentation gegen das Monopol und gelangt zu dem Ergebnis, dass Unternehmen in Konkurrenz genau die gleiche Optimierungsbedingung verfolgen wie die Unternehmen in der Monopolsituation. Tun sie dies nicht und produzieren sie gemäß Grenzkosten = Marktpreis, nehmen sie bewusst Verluste in Kauf, verhalten sich also irrational. Optimieren sie hingegen wie ein Monopolist gemäß Grenzkosten = Grenzertrag, so entsteht in der Aggregation genau der Markt, der auch einem Monopolisten zur Verfügung steht, der aber keinen Wohlfahrtsvorteil im Falle der Konkurrenzsituation mehr hat.

Auch wenn die neoklassische Argumentation gegen das Monopol widerlegbar ist, so lassen sich in der Realität jedoch Missbräuche von monopolistischer Marktmacht beobachten. Diese sind jedoch nur im Einzelfall zu bewerten - ein ökonomischer Rundumschlag gegen das Monopol funktioniert nicht. Es gibt nun einmal “natürliche Monopole”, vor allem, wenn Markteintrittsbarrieren bestehen, Nutzungsstandards oder Netzwerke von Nöten sind (öffentlicher Personenverkehr sei als Beispiel genannt). Im Gegenteil, die Skalenvorteile größerer Unternehmen bringen meist Preisnachlässe mit sich, wenn sich Märkte konsolidieren. Unzählige oligopolistische Märkte (Elektronik, Automobile) zeigen, dass Preiskonkurrenz auch bei wenigen Anbietern funktioniert. Der vermeintliche Vorteil von vollständiger Konkurrenz lässt sich auf herkömmliche Weise jedenfalls nicht nachweisen.

 

Gerechte Löhne?

 

Das “Soziale” an der Sozialen Marktwirtschaft schien über die vergangenen Jahrzehnte ja nicht nur die staatliche Abfederung von Lebensrisiken, sondern auch die “Gerechtigkeit” der Entlohnung – denn der neoklassischen Theorie entsprechend erhält jeder Arbeiter und jede Angestellte im Marktgleichgewicht ein Salär genau in Höhe des Grenzwertproduktes der von ihm bzw. ihr geleisteten Arbeit. Die Theorie stützt in der Praxis der Tarifverhandlungen die Argumentation der Arbeitgeber, die die Hoheit über die Produktivitätsdaten ihrer Arbeiterschaft haben. Allerdings sollte zu denken geben, dass diese moderne Kostenrechnungssysteme verwenden anstatt volkswirtschaftlicher Modelle des Arbeitsmarktes. Und so liegt der Wert der Neoklassik wieder einmal in dem Beweis des “wahren und moralisch guten” Lohnes unter möglichst ungestörten Marktbedingungen. Mit der Vorstellung eines wohlfahrtsmaximierenden “Gleichgewichtslohn” wurden in den vergangenen Jahren auch immer wieder die Ächtung staatlicher Eingriffe und die Deregulierungen im Arbeitsmarktbereich begründet. Doch so wie schon auf den Gütermärkten kann in der Realität mitnichten von Wohlfahrtsmaximierung ausgegangen werden. Keen zeigt, dass auch die theoretisch so elegante Optimierungsbedingung Lohn = Grenzwertprodukt des Arbeit in der Realität nicht funktioniert.

Was die politische Diskussion um gesetzliche Mindestlöhne betrifft, so wird gerade hier besonders gerne mit dem Argument der “Mindestlohnarbeitslosigkeit” die Debatte volkswirtschaftlich unanfechtbar abgekürzt: Mindestlöhne würden prinzipiell die Arbeitslosigkeit zu Gunsten der Arbeitsplatzinhaber erhöhen. Doch die Theorie dazu steht wissenschaftlich auf solch tönernen Füßen, dass ihr auf dieser Webseite ein eigenes Kapitel gewidmet wird.

 

Geldschöpfung unter Kontrolle?

 

Einer der ehernen Stützpfeiler der Marktwirtschaft, so wissen es die ökonomischen Lehrbücher, ist die Zentralbank. Gerade die Europäische Zentralbank (EZB) pflegt gerne den Mythos der (politischen) Unabhängigkeit, wenn nicht gar Unbestechlichkeit. Die Öffentlichkeit und die wirtschaftlichen Akteure sollen sich auf die Zentralbank als Hüter des Geldwertes und Versicherung gegen die Inflation verlassen dürfen. Und es gibt gute Gründe, dass ein solches Vertrauen in das Geldsystem Grundlage für das Funktionieren des Systems Marktwirtschaft darstellt.

Zum Problem wird dieses Vertrauen, wenn die geldpolitischen Entscheidungsträger von ihrer eigenen Zuverlässigkeit geblendet sind und ihre Einflussmöglichkeiten überschätzen – weil ihre wirtschaftstheoretische Grundlage zweifelhaft ist.

In keinem VWL-Lehrbuch fehlt das scheinbar geniale System der Geld- und Kreditschöpfung durch den Geschäftsbankensektor. Abhängig von Mindestreservesatz sowie individueller Sparquote der privaten Haushalte können demnach die Geschäftsbanken ein Vielfaches des ursprünglich von der Zentralbank zur Verfügung gestellten Zentralbankgeldes als Kredit an investitionsfreudige Unternehmen vergeben. Und doch bleibt laut Theorie die Geldmenge unter (exogener) Kontrolle der Zentralbank. Sollten makroökonomische Gründe für eine Einschränkung der Geldmenge sprechen, so braucht laut Theorie die Zentralbank lediglich den Mindestreservesatz zu erhöhen, und schon sind den Geschäftsbanken die Hände gebunden.

Wieder einmal legt Steve Keen den empirischen Finger in die Wunde theoretischen Wunschdenkens. Denn in der Praxis funktioniert der Geldschöpfungsmultiplikator nicht. In der Tat können Geschäftsbanken durch Verleihung von Giralgeld das Geld- und Kreditvolumen ausweiten, doch die Begrenzung nach oben mittels Mindestreservesatz hat praktisch keine Bedeutung. Zum einen weil die Geschäftsbanken sich bei guter Wirtschaft das Zentralbankgeld von anderen Geschäftsbanken besorgen. Aber selbst wenn die Wirtschaft in einem problematischen Zustand ist, so zeigt sich, dass das Kreditvolumen praktisch ad-ultimo ausgedehnt werden kann (und – nach Keens Kapitalismustheorie –ausgedehnt werden muss, bis die Finanzblase platzt). Denn Geschäftsbanken vergeben in der Praxis Kredite nach Gutdünken und haben entsprechende Anreize, selbst wenn der Verschuldungsgrad der Gesamtwirtschaft in bedenkliche Höhen gestiegen ist. So geschehen vor der Welt-Finanzkrise nach 2007/08. Der Grund liegt unter anderem darin, dass die Geschäftsbanken erst im Nachhinein die erforderlichen Mindestreserven anlegen müssen, d.h. sie vergeben den Privatkredit unabhängig davon, ob der theoretische Multiplikator das noch zulässt. Erst anschließend müssen sie dann für das erforderliche Zentralbankgeld sorgen – und die Praxis zeigt, dass ihnen die Zentralbanken auch immer das notwendige Zentralbankgeld zur Verfügung stellen (d.h. die Zentralbanken verhalten sich genauso wie die Geschäftsbanken, wenn ein Kunde Geldnot hat, geben sie Kredit). Sie sollten dies auch tun, denn bei Versagen des Zentralbankgeldes müsste der Privatkredit ja widerrufen werden und dies hätte eine Kreditklemme mit den unangenehmen Folgen für die Gesamtwirtschaft zur Folge. D.h. die Empirie zeigt, dass nicht die Zentralbank die Geldmenge kontrolliert, sondern die Geschäftsbanken durch ihre Kreditvergabe die Zentralbank zur Bereitstellung der erforderlichen Zentralbankreserven “nötigen”(2). Von “Kontrolle” mittels Mindestreservepolitik kann daher keine Rede sein.

Volkswirtschaftliche Lehrbücher an deutschen Schulen haben davon noch nichts mitbekommen. In der Fachwissenschaft ist dies hingegen ein offenes Geheimnis, insofern versucht die EZB sicher auch erfolgreicher mittels Leitzinsen Einfluss auf das Gebaren der Geschäftsbanken zu nehmen. Dabei beobachtet Keen, dass die Mainstream-Wissenschaft immer wieder mal die Grenzen ihrer Modelle einräumt, um sie am Ende doch zu ignorieren. So schreibt Lothar Funk in seinem Buch “Makroökonomik”, dass der Geldschöpfungsmultiplikator in der Praxis lediglich “ex-post-Charakter” hat – eine Verbrämung des Eingeständnis, dass er zur Begrenzung der Kreditvergabe nicht taugt. Am Ende der dreiseitigen theoriekritischen Ausführungen kommt er aber – oh Wunder – doch zu dem lapidaren Ergebnis, dass man “aus Gründen einer übersichtlichen Darstellung an der Annahme eines exogenen Geldangebots festhalten” wolle(3). Mit anderen Worten: Untaugliche Modelle stellen für die Mainstream-Ökonomie keinen Anlass dar, sie zu verwerfen.

Dass schlechte Theorie mehr als nur untaugliche wissenschaftliche Diskussionen hervorbringt, zeigt die Weltfinanzkrise: Weil die ökonomischen Berater Präsident Obamas an der Idee des Geldschöpfungsmultiplikators festhielten, wurde das Zentralbankgeld der Fed an die Banken ausgeschüttet und nicht – wie von alternativen Wissenschaftler gefordert – an die Haushalte oder Unternehmen direkt. Als Konsequenz versickerte das Geld im Geschäftsbankensektor und führte nicht zu der avisierten Belebung der Realwirtschaft.

 

Unrealistische Modellannahmen akzeptabel?

 

Leider gibt Steve Keen an dieser Stelle keine belegbare Quelle an. Offenbar auf eigener Beobachtung beruht die Erkenntnis, dass gerade seine Ökonomenkollegen der Mitgliedschaft in Gewerkschaften widerstehen. Und dies mit dem Argument, Gewerkschaften seien wohlfahrtsreduzierend, weil sie monopolistische Effekte hätten und somit Partikularinteressen stärkten. Einen besseren Beweis als diesen Altruismus unter Ökonomen, die sogar auf höhere Einkommen durch Gewerkschaftsorganisation verzichten, so Keen, könnte es kaum geben, dass der nutzenmaximierende Homo Oeconomicus ein reines Theoriekonstrukt ist.

In seinem Kapitel “There is madness in their method” bezweifelt Keen den Wissenschaftsanspruch der konventionellen Ökonomik. Denn anstatt Theorien zu entwickeln und zu verwerfen, sobald sie sich als widerlegbar oder unnütz herausgestellt hätten, klammere die Neoklassik seit über hundert Jahren an ihren Kernglaubenssätzen von rationaler Entscheidung, Nutzenmaximierung, Marktgleichgewicht,  Wohlfahrtsmaximierung und Geldneutralität. Die Veröffentlichung von heterodoxen Aufsätzen in den dominierenden Journals sei unmöglich, sofern jene Kernglaubenssätze nicht als grundlegende Modellannahmen postuliert würden. Einer der Gründe für das Beharrungsvermögen in der Praxis gescheiterter Modelle liegt darin, dass sie unter realen gesellschaftlichen Bedingungen nicht falsifizierbar sind: Da die Modellannahmen in der Realität nie vorliegen, kann auch der real-existierende Kapitalismus z.B. die monetaristische Theorie des Geldes (Inflation entsteht durch stärkeres Geldmengenwachstum im Vergleich zum Wachstum der Gesamtwirtschaft) nicht widerlegen – vielmehr wird aus dem Scheitern der Theorie in der Praxis der Schluss gezogen, die Bedingungen des freien Marktes seien eben noch nicht hinreichend erfüllt und daher solle der Staat die Märkte noch stärker deregulieren. Diese Argumentation ähnelt jener marxistischer Theoretiker, die trotz des fehlgeschlagenen Experiments des real-existierenden Sozialismus an der Theorie der sinkenden Profitrate und Unvermeidbarkeit des Sozialismus festhalten. Auch würden heuristische Annahmen einfacher Modelle in weiter entwickelten Modellen nicht mehr ersetzt, so dass sich die Ökonomik ähnlich den Naturwissenschaften (Newton'sche Annahmen der Gravitationslehre werden in der Relativitätstheorie verworfen) weiterentwickeln würde – im Gegenteil, in den vergangenen 50 Jahren hat die konventionelle Ökonomik vor allem versucht, die Makroökonomik mikroökonomisch zu fundieren.

 

Haben Generationen von Ökonomie-Studierenden das Falsche gelernt? Dies sei dahingestellt. Immerhin schult das Denken in Modellen das Abstraktionsvermögen. Allerdings sollte man bei der Rückübertragung auf die Realität Vorsicht walten lassen – denn die Voraussetzungen der Modellwelt sind in der Wirklichkeit de-facto nie gegeben. Und da die Mehrheit der ökonomischen Diskurse auf der Markttheorie aufbauen, bedarf es auch umfassender Kenntnis der besagten Theorie, um Argumentationsfehler nachweisen zu können – ansonsten ist man der entwaffnenden Replik “Das müssen Sie mir einfach glauben” ausgeliefert. Und man darf nicht vergessen, dass jede Theorie einer gesellschaftlichen Interessensgruppe zupass kommt. Keen sieht die zentrale Rolle des Marktgleichgewicht auch historisch begründet: Im ausgehenden Feudalismus musste eine neue Gesellschaftstheorie anstatt der Gott gegebenen Hierarchie eine neue, vor allem aber stabile Hierarchie in Aussicht stellen – eine Hierarchie gemäß Grenzproduktivitäten, dabei sogar gemeinwohlmaximierend. Auch später in Zeiten der Systemgegensätze von Marxismus und Kapitalismus rechtfertigte der vermeintlich wohlfahrtsmaximierende Effekt freier Märkte die Marktwirtschaft. Doch wie Steve Keen zeigt, genügen freie Märkte auf Grund der geschilderten Inkonsistenzen eben nicht dem postulierten Anspruch. Es gibt eben sowohl in der freien wie in der real-existierenden sozialstaatlich abgefederten Marktwirtschaft neben den “Systemgewinnern” auch “Systemverlierer”. Somit müsste sich die Volkswirtschaftslehre stärker mit der Frage auseinander setzen, ob und inwiefern sie den “Profiteuren” des Marktsystems die Argumentationsbasis stärkt.

Deutliche Worte findet der Hamburger Mathematiker Claus-Peter Ortlieb bei der Besprechung des akademischen Standardlehrbuchs "Grundzüge der Volkswirtschaftslehre" von Gregory Mankiw: "Die hier zwischen zwei Buchdeckel gepressten Ungereimtheiten machen deutlich, dass Theorie die Sache der Neoklassik nicht ist. Bei dem neoklassischen Gebilde handelt es sich um ein Sammelsurium mathematischer Modelle, die vorne und hinten nicht zusammen passen und eigentlich nur zeigen, dass die Verwendung von Mathematik allein einen horrenden Mangel an Logik nicht wettmachen kann." (4)

 

Im Zuge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 findet im ökonomischen Mainstream langsam eine Abkehr von der neoklassisch fundierten Modellwelt statt. Immer öfter wird so die Effizienzmarkthypothese, auf die sich die Liberalisierer seit den frühen 70ern beriefen, in Frage gestellt und eine Rückbesinnung auf den keynesianisch aktiven Staat (der nach Meinung der Neoklassiker und Monetaristen vermeintlich nur Ineffizienzen hervorruft) gefordert. Paul Krugman, Nobelpreisträger für Wirtschaft 2008, setzt sich für eine stärkere Beachtung verhaltensorientierter Ansätze (etwa Behavioral Finance) ein, welche den in der Neoklassik bemühten Homo Oeconomicus ins Reich der phantastischen Modellwelt verweist und mit psychologischen Erklärungen arbeitet. (5) Dennoch hat sich nach ZDF-Recherchen zum Fernsehbeitrag "VWL in der Krise" an der universtitären Dominanz der Neoklassik wenig geändert. Es fragt sich, ob sich angesichts des Schneckentempos, mit dem die Wissenschaft sich von überkommenen Modellwelten verabschiedet, die schulische Lehrplanarbeit wirklich (nur) am Status Quo der akademischen Volkswirtschaftslehre orientieren kann.

(1)  Keen, Steve: Debunking Economics – The Naked Emperor Dethroned? (Revised and Expanded Edition). 2011.

Gegenüber seiner Erstausgabe "Debunking Economics - The Naked Emperor of the Social Sciences" (2001) ist die Überarbeitung von 334 auf 478 Seiten angewachsen, denn Keen, einer der wenigen Ökonomen, der die Schulden- und Finanzmarktkrise mit harten Fakten voraussah, hat empirische Bestätigung seiner Kritik bekommen und seinem Werk fünf neue Kapitel plus umfassenden Anhang hinzugefügt. Darin legt er insbesondere die Wirklichkeitsfremdheit mikroökonomisch fundierter Makromodelle offen und zeigt, wie die herrschende Ökonomie, verblendet von ihrer neoklassischen Obsession mit "Gleichgewichtsmodellen" die Krise der Finanz- und in der Folge Realwirtschaft mit zu verantworten hat.

(2) Dieses Kapitel aus Steve Keens Buch “Debunking Economics” ist im Internet verfügbar:

http://debunkingeconomics.com/samples/misunderstanding-the-crisis/

(3) Funk, Lothar: Makroökonomik, S. 206.

http://books.google.de/books?id=wahTsoiA0a8C&lpg=PP1&pg=PA206#v=onepage&q&f=false

(4) Ortlieb, Claus Peter: "Markt-Märchen - Zur Kritik der neoklassischen akademischen Volkswirtschaftslehre und ihres Gebrauchs mathematischer Modelle." In: EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft, Heft 1, 166-183, Bad Honnef 2004. www.math.uni-hamburg.de/home/ortlieb/Exit1CPOMarktMaerchen.pdf
(5) Paul Krugman: Zurück zu Keynes. Frankfurter Rundschau vom 25.9.2009, S. 34-35.

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