Nachhaltige Entwicklung im volkswirtschaftlichen Unterricht
Nachhaltige Entwicklungim volkswirtschaftlichen Unterricht

Der "heimliche Lehrplan" des Ökonomieunterrichts

Eines der Hauptprobleme, die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung im gängigen Ökonomie-Unterricht zu vermitteln, liegt darin, dass sie sich den Grundannahmen der neoliberal begründeten Theorie und Praxis nicht vereinbaren lassen. Falsch ist jedoch die These, Ökologie und Ökonomie seien grundsätzlich unvereinbar. Es handelt sich lediglich um bestimmte ökonomische Denkschulen wie jener der Neoklassik oder des Keynesianismus, die den Thesen z.B. der ökologischen Ökonomik in großen Teilen widersprechen. Dennoch ist eine (nicht naturgesetzlich verstandene) Ökonomie unter Berücksichtigung ökologischer Grenzen und im Sinne des Gemeinwohls denkbar und politisch gestaltbar.

 

Die besagten Widersprüche werden im VWL-Unterricht teils offenkundig, teils werden sie übergangen. Besonders problematisch ist dabei die Existenz eines “heimlichen Lehrplans” zu Lasten der Nachhaltigen Entwicklung.

 

Seit Ende der 60er Jahre spricht man in der Erziehungswissenschaft von dem sogenannten “Heimlichen Lehrplan”. Dabei handelt es sich um Lernziele des Unterrichts, die in keinem Lehrplan enthalten sind, aber im institutionalisierten Unterricht de-facto unreflektiert mit vermittelt werden. Neben den fachlichen Kenntnissen in Algebra, Geschichte oder Physik lernen die Schülerinnen und Schüler etwa, wie man im System Schule Erfolg beim Lehrenden oder bei Mitschülern hat, wie man Wissenslücken kaschiert oder unangenehme Arbeit vermeidet: Das freundliche Grüßen auf dem Schulgang mag im Zweifel die Entscheidung des Lehrers für die bessere Note erleichtern, der Besitz des neuesten Smartphone-Modells schafft Anerkennung bei Mitschülern, Wikipedia oder Hausarbeiten.de machen das umständliche Selberformulieren in einem Aufsatz überflüssig (das gilt auch für Lehrende, blaublütige Doktoranden oder Webseitenersteller).

Heimliche Lehrpläne sind nicht zu vermeiden. Doch ihre “heimlichen Lernziele werden nicht offen kommuniziert, sondern unter- und unbewusst, durch einseitige Auswahl der Inhalte, durch Aufgreifen und Abbilden sozialer Strukturen in Lehrbüchern (Lebensentwürfe, Handlungsverteilung), Struktur der Erziehung sowie das Verhalten der Pädagogen, vermittelt.”(1) Effekt ist eine Art sozialer Reproduktion bestehender Hierarchien und Verhaltensweisen, die gleichwohl Gegenstand der kritischen Erziehungswissenschaft sein sollten.

 

Jedes Unterrichtsfach hat seinen eigenen heimlichen Lehrplan. So setzt der Fremdsprachenunterricht implizit voraus, dass internationale Kommunikation prinzipiell zu begrüßen ist und wird damit zum Treiber der kulturellen Globalisierung (heimliche Lernziele können auch positiv bewertet werden, denn Fremdsprachenerwerb dient eben auch der Einsicht, dass internationale Beziehungen verbal und nicht mit gewaltsamen Mitteln gepflegt werden können). Der Chemie- und Physikunterricht macht die Welt der Materie experimentell messbar und blendet somit aus, dass es womöglich für den Menschen nicht erfahrbare Dimensionen gibt. Die Tatsache, dass sozial- und naturwissenschaftliche Fächer als Leistungskurs gewählt werden können, künstlerische oder philosophisch-ethische hingegen vielerorts nicht, ist Ausdruck des Trends, dass sich Wissen und Bildung immer mehr zum “Produktionsfaktor” entwickelt, der am “Markt” verwertbar sein muss, und nicht im Sinne der Entwicklung oder des Selbstausdrucks der Persönlichkeit gesehen wird. Warum gibt es kein selbstständiges Unterrichtsfach “Debattieren und Rhetorik”, keines zur “Medienkunde” oder zur “Ökologie”?

 

In seiner brillianten gesellschaftskritischen Analyse “Höchste Zeit, umzudenken – Jesus, globale Krisen und die Revolution der Hoffnung” – legt der evangelikale amerikanische Pastor Brian McLaren den heimlichen Lehrplan des “Theokapitalismus” offen. Er ist Teil einer gesellschaftlichen “Rahmengeschichte”, die in den Medien und Bildungseinrichtungen meist mehr oder weniger unreflektiert erzählt wird, sei es in der Werbung, in Filmen, in Liedtexten, in wissenschaftlichen Studien, in politischen Reden, den Nachrichten, in Geschäftspraktiken, Sportveranstaltungen und sogar einigen Kirchen und Gemeinden. Danach tritt an die Stelle der Religion als Lehre über den Weg zur Erlösung der moderne technologisch manifestierte und natur- und sozialwissenschaftlich begründbare Kapitalismus, der vier eherne Gesetze lehrt:

 

  • Das Gesetz vom Fortschritt durch schnelles Wachstum: Mehr Konsum, mehr Wirtschaftswachstum und steigende Produktivität werden als notwendige Voraussetzungen für gesellschaftlichen Erfolg gewertet – die damit verbundene wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, der zunehmende Stress, der Raubbau an der Natur wird als unvermeidlicher Kollateralschaden hingenommen.
  • Das Gesetz der Gelassenheit durch Besitz und Konsum: Konsum und Glück werden gleichgesetzt, wobei in vielen Erzählungen sogar der persönliche Besitz selber notwendig ist (oder erst die Befriedigung stiftet), um sich gesellschaftlich zu behaupten.
  • Das Gesetz der Rettung durch Wettbewerb allein: Sogar viele religiöse Menschen leben gemäß den Wertmaßstäben des Sozialdarwinismus, der Ungleichheit gutheißt, den “Stärksten” oder “Angepasstesten” belohnt.
  • Das Gesetz der Freiheit des Unternehmenswachstums durch unverantwortlich handelnde Konzerne: Nur sehr begrenzter Widerstand existiert in der Zivilgesellschaft gegen Konzerne, die gleichsam über den Landesgrenzen schweben, rechtliche Regelungen in Nationalstaaten gegeneinander ausspielen und im Rahmen dieser rechtlicher Regelungen ausschließlich den Kapitalinteressen ihrer Shareholder verpflichtet sind. Oft sind sie es, die im medialen Wettstreit über die Deutungshoheit über Begriffe von “Der Wirtschaft” sprechen, deren Interessen gewahrt bleiben müssen; wenn Lohnsenkungen “gut für 'Die Wirtschaft'” sind, so trifft dies primär auf solche Konzerne zu, deren Absatzmärkte im Ausland liegen und deren Interesse an der Stärkung der Binnennachfrage mittels Lohnsteigerungen nicht gegeben ist.

 

McLaren spricht insbesondere für die nordamerikanische Gesellschaft, doch lässt sich die berechtigte Frage stellen, inwiefern jene Grundannahmen über die “Marktwirtschaft” auch in den europäischen Staaten sowohl in den Medien als auch in den Bildungseinrichtungen Platz greifen. Die Forderung nach mehr Allmendegütern, nach Aufbau von Leih- und Pfandsystemen zur Schonung der natürlichen Ressourcen mittels gemeinsamer Nutzung durch viele widerspricht der Orientierung am individuellen Besitz. Die Idee des Privateigentums ist in der Marktwirtschaft so selbstverständlich geworden, dass sie in keinem schulischen Lehrplan, in keinem aktuellen Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre überhaupt zum Thema gemacht, geschweige denn zur Disposition gestellt wird.

 

Auf gesellschaftlicher Ebene identifiziert McLaren einen heimlichen Lehrplan, der nicht nur der Ökonomie, sondern auch den allermeisten "Drehbüchern" der Handlungen in anderen Gesellschaftsbereichen zu Grunde liegt: “Wir können zu unserem Vergnügen oder Profit Dinge tun, die unerwünschte Folgen haben, und entweder die Folgen vermeiden oder sie später wieder 'reparieren'. So ist das Motto: 'Wenn sich etwas gut anfühlt oder Gewinn bringt, dann tu es und kümmere dich später um die Konsequenzen.'”(2) Oder, mit dem Slogan der Werbeindustrie gesagt: “Just do it!” Produziere radioaktiv strahlenden Müll und kümmere dich später um die Entsorgung. Überschwemme die Welt mit Plastikprodukten und ignoriere die Folgen für Ökosysteme und menschliche Gesundheit. Mache Feldversuche mit gentechnisch veränderten Organismen und vertraue auf das Prinzip Hoffnung, dass sie die natürliche Balance nicht stören. Iss und trink Fast-Food-Produkte und versuche später, die überflüssigen Pfunde loszuwerden. Beschleunige die Gesellschaft durch fortgesetzte Technisierung und Entgrenzung und nimm in Kauf, dass die Biographien der Menschen immer weniger planbar und Leben entwurzelter werden.

 

Dass diese quasi mit der Muttermilch aufgesogenen Manifestitationen des Glaubenssatzes “Just do it!” in Konflikt mit der Idee der Nachhaltigen Entwicklung stehen, ist offensichtlich. Gleichzeitig zeigt es, dass die Diskussion mehr als grundlegend geführt werden und mit Sicherheit fächerübergreifend stattfinden muss. Der “heimliche Lehrplan” muss zu einem “offenen Lehrplan” werden.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Heimlicher_Lehrplan

(2) McLaren, Brian: Höchste Zeit, umzudenken! - Jesus, globale Krisen und die Revolution der Hoffnung. 2008, S. 228f. Zielgruppe des Buches sind naheliegenderweise zunächst einmal gläubige Christen. Der Autor versucht durch Bibelauslegung nachzuweisen, dass Jesus Christus in der Postmoderne ein Verfechter der Nachhaltigen Entwicklung wäre, und ruft Christen auf, gesellschaftspolitisch Farbe zu bekennen. Nichtsdestotrotz ist das Buch auch für Nichtchristen absolut lesenswert, denn die Analyse der treibenden Kräfte in der heutigen Welt ist so stichhaltig wie in nur wenigen anderen gesellschaftskritischen Publikationen. Rezension unter:
http://zeit-geist.info/2008/01/16/rezension-von-brian-mclaren-everything-must-change-jesus-global-crises-and-a-revolution-of-hope-nashville-usa-nelson-2007/

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